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Preisdumping

In den Zeiten, in denen der „Geiz-Ist-Geil-Trend“ allerorten regiert und gleichzeitig die Baukonjunktur nicht wirklich aus dem Tal der Tränen herauskommt, führt der gnadenlose Preiswettbewerb zu einem dramatischen »Preisdumping«. Nach Eingabe des Suchbegriffs »Preisdumping« in eine Internet-Suchmaschine (z.B. Google) werden 83.200 Einträge (Stand: 21.10.2007) angezeigt. Das Phänomen Preisdumping beschränkt sich dabei allerdings nicht allein auf die Baubranche, auch andere Bereiche sind zunehmend und massiv davon betroffen. In der Lebensmittelbranche heißt es beispielsweise: „Preisdumping gefährdet Qualität und Sicherheit von Lebensmitteln!“ oder „Schluss mit dem Preisdumping - Lebensmittel sind mehr wert!“ Aufgrund der Marktmacht von großen Lebensmittelketten werden von diesen Preise auf dem Markt durchgedrückt, die teilweise unter den Erzeugerpreisen liegen, so dass über kurz oder lang viele Bauern ihren Hof aufgeben müssen.

Das nachfolgende Zitat stammt von dem seinerzeitigen Vorsitzenden der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Franz-Josef Möllenberg, der diese (nicht neue Erkenntnis) während der Auftaktveranstaltung des „Ernährungsforums Ost“ am 26.08.2004 in Erkner äußerte:

„Die Qualitätsstandards von hochwertigen Lebensmitteln können auf längere Sicht nur gehalten und weiterentwickelt werden, wenn das Preisdumping im Lebensmitteleinzelhandel endlich beendet wird. Auch die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen sich bewusst werden, dass Lebensmittel ihren Wert und ihren Preis haben.“

Eine ähnliche Entwicklung ist bereits seit Jahren in der Baubranche zu beobachten. Die Ursachen sind vielfältig, die Folgen fatal. Neben vielen kleinen Handwerksbetrieben verschwinden zunehmend auch große und bekannte Baufirmen, wie die Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit mit einst bekannten Namen wie »Holzmann« und »Walter Bau« zeigen. Zusätzlich zu den hausgemachten Problemen wie überzogene Sozialstandards, hohe Steuersätze mit einem abartig komplizierten sowie leistungsfeindlichen Steuersystem, mit Pflichtbeiträgen zu allen möglichen und unmöglichen Institutionen (z.B. Kammern wie IHK oder Ingenieurkammern, Berufsgenossenschaften, Sozialkassen usw.), die auf der einen Seite die Kosten stetig steigen lassen, drängen auf der anderen Seite europäische oder gar außereuropäische »Mitbewerber« auf den heiß umkämpften deutschen Markt, die mit deutlich niedrigerem Kostenniveau vielen hiesigen Unternehmen und Handwerksbetrieben das Leben sehr schwer machen. In der Not unterbieten einheimische Unternehmen dieses Preisniveau, um doch noch den dringend benötigten Auftrag zu erhalten in der Hoffnung, „es wird schon gut gehen“ oder „vielleicht kann ich über Nachträge doch noch in die Gewinnzone kommen“.

Zuerst führt dieses Preisdumping zu einem nicht mehr verantwortbaren Lohndumping, wie die breite politische und kontrovers geführte Diskussion über den Mindestlohn belegt. Mit dem Lohnniveau sinkt die verbleibende Kaufkraft in relativ großen Bevölkerungsschichten, der Konsum bricht ein. Danach folgt dann im Baubereich der berühmte »Pfusch am Bau«, der zu volkswirtschaftlich enormen Folgeschäden führt. Neue Bauschadensberichte werden wohl aus gutem Grund von der Bundesregierung nicht mehr in Auftrag gegeben, es kämen wohl zu viele unangenehme Wahrheiten an den Tag. Nach Schätzungen belaufen sich die jährlichen (!) Bauschäden auf etwa 3,5 Mrd. bis zu 4 Mrd. Euro, und das bei weiter abnehmender Baukonjunktur! Und dass diese Schätzungen wohl eher sehr optimistisch sind, zeigen neuere Untersuchungen und Umfragen unter Baufachleuten. In den VDI-Nachrichten Nr. 42 vom 19.10.2007 wird berichtet, dass sich die Fehlerbeseitigungskosten aufgrund von Baumängeln auf etwa 15 % bis 22 % der jährlichen Gesamtbaukosten belaufen. Der Gesamtumsatz am Bau betrug im letzten Jahr (2006) ca. 109 Mrd. Euro. Unterstellt man, dass die Mängelbeseitigungskosten „nur“ 15 % davon betragen, liegen diese volkswirtschaftlich verheerenden Kosten bei 16,4 Milliarden (14.600.000.000) Euro!

Eines dürfte wohl jedem klar sein, der sich nur etwas mit wirtschaftlichen Zusammenhängen beschäftigt: Billig, schnell und gut kann nicht gleichzeitig funktionieren:

• Wenn etwas billig ist, kann es entweder nicht schnell oder nicht gut sein!
• Wenn etwas schnell geht, kann es nicht billig oder nicht gut sein!
• Wenn etwas gut ist, kann es entweder nicht billig oder nicht schnell sein!

Niemand hat etwas zu verschenken. Wer zuviel für eine Leistung bezahlt, ist ebenso schlecht beraten wie derjenige, der zu wenig bezahlt. Diejenigen Baufirmen, Handwerksbetriebe oder auch freiberuflich tätigen Planer, die seriöse Leistungen erbringen, leiden am stärksten unter dem allgegenwärtigen Preisdumping. Schließlich gibt es immer jemanden, der seine Leistungen noch »billiger« anbietet. Doch »Billig« ist wahrlich nicht mit »Preiswert« gleichzusetzen. Denn wer vordergründig »billig« anbietet, muss am Ende dennoch auf seine Kosten kommen, um zu überleben. Entweder muss dieser »Billigheimer« an der Qualität der Materialien oder an der Arbeitsleistung selbst sparen. Im Zweifelsfall spart dieser Preisbrecher sogar an beidem. Auf diese Weise kommen diejenigen, die gute Qualität zu einem fairen Preis anbieten, als erstes »unter die Räder«, da sie auf dem hart umkämpften Markt keine auskömmlichen Preise mehr für ihre solide Arbeit erzielen können. Und mit den soliden Unternehmen verschwindet auch das Know-how, da »Billigheimer« weder in der Lage sind, qualifiziertes Personal zu beschäftigen noch Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Und Innovationen sind von solchen Betrieben auf gar keinen Fall zu erwarten, sieht man von findigen Möglichkeiten ab, teure Nachträge zu generieren. Ob solche Billigheimer ordnungsgemäß Steuern und/oder Sozialabgaben zahlen, ist auch nicht immer sicher...

Bei einer vordergründig »billigen« Planung muss jeder Bauherr damit rechnen, dass diese nicht auf seine Bedürfnisse zugeschnitten und umfassend ist. Einen »Entwurf« kann man auch aus der Schublade ziehen, ohne sich um die wirklichen Belange des Bauherrn zu kümmern. Manche so genannten »Planungsbüros« sind zudem nicht frei von Lieferinteressen, diese arbeiten in einigen Fällen eng mit Fertigteilfirmen oder anderen Baustofflieferanten zusammen. Solche »Billigheimer« bessern ihr Dumpinghonorar durch Provisionszahlungen seitens der Fertigteilfirmen auf, d.h. sie geben dem Bauherrn vor, z.B. ein bestimmtes Deckensystem sei das »günstigste« oder das «technisch beste« System. In Wirklichkeit verkaufen sie im Prinzip nur das System, welches die meiste Provision bringt. Die Interessen des Bauherrn bleiben dabei in jedem Fall auf der Strecke.

Bereits Lenin hat erkannt: »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!« Diesen Grundsatz sollte sich jeder Bauherr vor Augen halten, will man dem Billigheimer nicht noch Wasser auf die Mühle geben. Die tatsächlich erbrachten Leistungen müssen in jedem Fall von einem unabhängigen und nachweisbar qualifizierten Baufachmann kontrolliert werden, bevor Zahlungen an den Bauhandwerker erfolgen. Die Planung und die Ausschreibungsunterlagen sind bei der Überprüfung hinzuzuziehen. Auch die bauphysikalischen Belange sind bei der Überprüfung zu beachten. Wurden beispielsweise die Wärmebrücken richtig ausgebildet oder der Schallschutz bei den Treppen und Decken beachtet? Auch die Belange des konstruktiven Brandschutzes müssen kontrolliert werden, schließlich geht es hier um die Sicherheit der späteren Bewohner eines Gebäudes.

Auf Seiten der Handwerksbetriebe und der freiberuflich tätigen Planer entwickeln sich die Kammern zu wahren Preistreibern. Auf der Einnahmenseite sinken durch Preisdumping die Umsätze, auf der Ausgabenseite erhöhen sich die Kosten permanent und ungebremst. Die 16 Bundesländer mit jeweils eigener Bauordnung verschärfen diese Kosten und fördern die Bürokratie. Jedes Bundesland verfügt über eigene Kammern der verschiedensten Fachbereiche (Architektenkammer, Ingenieurkammer, Notarkammer, Ärzte-, Zahnärzte-, Apotheker- und Tierärztekammer, 83 (!!) Industrie- und Handelskammern, Landwirtschaftskammern usw.). Und jede Kammer oder Innung hat einen eigenen Verwaltungsapparat und einen gut dotierten Vorstand, der permanent auf der Suche nach neuen Einnahmequellen ist. Diese treten in der Öffentlichkeit auf, als ob sie sich um die Belange des Verbrauchers (Stichwort »Verbraucherschutz«) kümmern würden oder die Qualität der (Zwangs-) Mitglieder im Auge behalten. In Wirklichkeit geht es diesen Institutionen nur um die Wahrung ihrer eigenen Interessen und die Sicherung von lukrativen Pöstchen. Landet man im Vorstand einer Kammer, hat man fast ausgesorgt, schließlich sind die erzielbaren Einkommen weit überdurchschnittlich. Und reichen dann die Mitgliedsbeiträge nicht, werden die Kammerbeiträge erhöht oder zusätzliche Einnahmequellen für Pseudo- oder Alibileistungen erschlossen. Von diesen Kosten merkt der Auftraggeber erst einmal nichts, dennoch treiben diese die Selbstkosten in die Höhe, ohne dass diese auf dem Markt honoriert werden.

Preisdumping auf der einen Seite und permanent steigende Zwangsabgaben auf der anderen Seite treiben zuerst die seriösen Firmen und Planer in die Enge. Diese werden von »Billigheimern« um die benötigten Aufträge gebracht, allein der Pfusch bleibt (»Qualität, die Grauen schafft«). Und am Ende zahlt doch der Bauherr, der sich zuerst über ein »Schnäppchen« gefreut hat. Eine »Billigheimer-GmbH« verschwindet spätestens dann im Insolvenznirwana, wenn der Bauprozess für den Billigheimer verloren geht...

Das Preisdumping kein Kavaliersdelikt ist, zeigt das folgende Beispiel, auch wenn es sich hier um eine Tierärztin und nicht um einen freiberuflich tätigen Bauplaner handelt, obwohl dieser ebenfalls die gesetzlichen Regelungen der HOAI beachten muss:

Eine südhessische Tierärztin wurde im Jahre 2003 wegen unlauteren Wettbewerbs durch das Landgericht Darmstadt verurteilt. Im Jahr zuvor hatte sie für die Kastration und die Tätowierung eines Katers exakt 36 Euro in Rechnung gestellt. Verklagt wurde sie daraufhin von der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs. Zur Verteidigung trug sie vor, dass es sich um einen Wildkater gehandelt habe und die Zusage des Tierheims vorlag, ein Drittel der Behandlungskosten übernehmen zu wollen. In diesem Falle waren die Richter noch gnädig und ließen ihre Erklärungen durchgehen. In einem ähnlich gelagerten Falle allerdings wurde sie vom Landgericht verurteilt. Sie hatte bei einem Kater nicht nur eine Kastration durchgeführt, sondern auch noch eine Ovariohysterektomie und eine Tätowierung. Anschließend „vergaß“ sie in der Hektik des Praxisalltags, die beiden letzt genannten Behandlungen abzurechnen. Die Richter beurteilten diese Leistungen als erheblichen Teil des Behandlungsentgelts und nicht um Centbeträge, die als Bagatelle durchgehen könnten. Dieses erheblich zu niedrige Honorar habe negative Auswirkungen auf die Wettbewerbssituation unter den Tierärzten, so dass Urteil des Landgerichts Darmstadt vom 14.12.2003 (Az. 18 O 7/03). Danach wurde ihr auferlegt, es künftig zu unterlassen, Gebühren abzurechnen, die unter dem Einfachsatz der Gebührenordnung der Tierärzte (GOT) liegen.

Es ist selten, dass solche erheblich zu niedrigen Honorare, die als Preisdumping gelten, vor Gericht landen. Die Wettbewerbszentrale teilt mit, dass dieses Preisdumping bei Tierärzten offensichtlich weit verbreitet ist und die Dunkelziffer der „schwarzen Schafe“ hoch sei. Im Baubereich sieht die Situation nach hiesiger Einschätzung genauso schlecht aus. Viele »Billigplaner« verursachen durch gnadenloses Preisdumping einen Verfall der Planungsqualität und damit letztlich auch der Bauqualität. Und diese schlechte Qualität kostet unter volkswirtschaftlichen Aspekten gesehen eine Menge Geld in Form von Mangelbeseitigung, Gerichts- und Anwaltskosten (die ja auf keinen Fall Werte schaffen). Und auch die Sachverständigen lassen sich ihre Leistungen honorieren, ohne dass am Ende der Schaden dann schon behoben ist, wenn diese nicht den Auftrag haben, auch die Sanierung zu planen und zu überwachen. Preisdumping wird oftmals nicht verfolgt, da die Beweislage in der Regel dürftig ist. Und Bauherren bzw. Besitzer von Tieren werden sich davor hüten, bei Honorarunterschreitungen vor Gericht als Zeuge aufzutreten. Werden Fälle von Preisdumping aufgedeckt, einigt man sich dann lieber außergerichtlich, z.B. in Form einer Unterlassungserklärung. Und anschließend geht das Spiel wieder von vorne los...

siehe auch:
- Abgabe
- Alptraum
- Baumurks
- Baupfusch
- Bauträger
- Deregulierung
- Fehlerarten
- Gefahrenabwehr
- Handwerkspfusch
- HOAI
- Lohndumping
- Pfusch am Bau
- Planungsbüro
- QS
- Schlamperei
- Schwarzarbeit
- Unwissenheit
- Vier-Augen-Prinzip