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Kanalisation

Bereits vor Tausenden von Jahren wurde im Tal des Indus Hygiene großgeschrieben. Auch die Römer verfügten bereits über das Wissen und das Können, »Kanalisationen« zu bauen. Doch dieses Wissen ging mit dem Untergang des Römischen Reichs für lange Zeit verloren, die Menschen des Mittelalters versanken buchstäblich im eigenen Dreck. Diese Periode dauerte bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, als man die Zusammenhänge zwischen den hygienisch unhaltbaren Zuständen und den dadurch ausgelösten Seuchen wie Cholera und Typhus erkannte.

Erst mit dem Bau einer Kanalisation werden die häuslichen und industriellen Abwässer über nach ingenieurmäßigen Gesichtspunkten berechnete und bemessene Abwasserrohre zunächst ungeklärt direkt in einen Vorfluter (meist einem Fluss) abgeleitet, dann auf großen Rieselfeldern verrieselt (z.B. in Berlin) und später dann einer Kläranlage zugeführt. Die Reinigungstechniken wurden im Laufe der Zeit immer weiter verbessert, so dass verschmutztes und teilweise sogar hoch belastetes Abwasser heute (fast) völlig sauber in den Vorfluter oder auf große Freiflächen zur Versickerung in das Grundwasser abgegeben werden kann.

Unterschieden werden Trennsysteme und Mischsysteme. Im Trennsystem wird das Abwasser in eigenen Kanalrohren zur Kläranlage (bei größeren Anlagen spricht man auch von »Klärwerken«) geleitet und das Niederschlagswasser (meist Regenwasser), welches nicht oder nur gering verschmutzt ist, entweder direkt in den Vorfluter geleitet oder (zumindest teilweise) ebenfalls zur Kläranlage, um dort den Reinigungsprozess des verschmutzten Abwassers durch Beimischung des vergleichsweise sauberen Wassers zu erleichtern. Vermieden wird hiermit, dass die Abwasserrohre überschwemmt werden und somit bei einem Starkregenereignis durch Abwasser verunreinigtes Niederschlagswasser unkontrolliert über die Erdoberfläche fließt. Das im separaten Kanalsystem gesammelte Niederschlagswasser kann aber auch über entsprechende Sickerflächen versickert werden, um es auf diese Weise wieder dem Grundwasser zuzuführen.

Beim Mischsystem werden sowohl die häuslichen und industriellen Abwässer als auch das Niederschlagswasser in einem Kanalrohrsystem gesammelt und der Kläranlage zur Reinigung zugeführt. In Norddeutschland bezeichnet man solche Kanalnetze auch als »Siele«. Aus technischer Sicht versteht man jedoch unter einem »Siel« einen Durchlass in Deichen zur Entwässerung von eingedeichten Niederungen (Poldern), so dass dieser Begriff, gebraucht im Zusammenhang mit Kanalisation, leicht zu Verwirrungen führen kann.

In vielen Städten und Gemeinden werden Kanalisationen als Mischsysteme betrieben. Dies hat den Vorteil, dass die Kanalrohre durch das Niederschlagswasser häufiger auf natürliche Weise durchgespült und die Abwässer verdünnt werden, auch wird der Bau eines solchen Kanalsystems meist etwas billiger, weil nur ein statt zwei Kanalrohre nebeneinander benötigt werden, wenn auch der Durchmesser des Abwasserrohrs für das Mischsystems größer dimensioniert werden muss.

Da die Deutschen eifrig bemüht sind, Wasser zu sparen und dies zunehmend erfolgreicher umsetzen, wirkt sich das auf die kommunalen Kanalisationen auch nachteilig aus. In Presseberichten wurde dargelegt, dass jeder Bundesbürger im Jahre 1990 noch stolze 160 Liter Wasser pro Tag verbraucht hat (in der ehemaligen DDR lag der tägliche Frischwasserbedarf je Einwohner nochmals deutlich höher). Der Wasserverbrauch sank im folgenden Zeitraum von 15 Jahren auf nur noch etwa 125 Liter pro Tag, also fast um ein Viertel. Tendenz: weiter fallend. Zunächst erstaunlich ist die Tatsache, dass dadurch die Kosten für die Entsorgung des Abwassers steigen, wie die Verbände der Wasser- und Abwasserwirtschaft in einer Presseerklärung bereits im März 2007 mitgeteilt haben.

Üblicherweise beträgt die Haltbarkeit eines Abwasserkanals zwischen 80 bis 100 Jahre. Überliefert sind bei hochwertiger Ausführung sogar noch ältere Kanalrohre, die den jahrzehntelangen Beanspruchungen einwandfrei standgehalten haben. Dies setzt allerdings voraus, dass die Kanalrohre dauerhaft mehr oder weniger gut gefüllt sind, sodass innerhalb des Kanalrohrs noch keine Fäulnisprozesse stattfinden können. Wird jetzt weniger Abwasser produziert und bleiben die Kanalrohre nur noch teilweise gefüllt, können solche Fäulnisprozesse bereits hier einsetzen. Die dabei entstehenden Faulgase greifen das Rohrmaterial an, wobei insbesondere weniger hochwertige Betonrohre diesen Angriffen nicht ausreichend standhalten. Aber auch bei Verwendung von keramischem Rohrmaterial wird durch diese Prozesse der die Dauerhaftigkeit reduziert. Dies hat zur Folge, dass die Kanalrohre eine teils deutlich geringere Haltbarkeit aufweisen. Experten schätzen, dass bei zu wenig Abwasser in einer Kanalisation bereits nach etwa 10 Jahren erste Reparaturen erfolgen müssen. Diese Reparaturkosten treiben die Kosten für die Abwasserversorgung, die auf die Nutzer im Umlageverfahren verteilt werden, entsprechend in die Höhe.

In Deutschland gibt es ungefähr 500.000 Kilometer Kanalrohre. Und deren Unterhalt verschlingt vergleichsweise viel Geld. Die Kosten für die Abwasserentsorgung sind allein von 2005 bis 2007 um durchschnittlich 1,4 % jährlich gestiegen, immerhin noch unter den 2 %, die als Inflationsrate für den gleichen Zeitraum angegeben wurden. Die Verbände begründen dies damit, dass die Kosten nicht in vollem Umfang an die Verbraucher weitergegeben worden seien. Um die Reparaturkosten geringer zu halten, können die Kanalrohre in regelmäßigen Abständen durchgespült werden, was naturgemäß ebenfalls mit Kosten verbunden ist. In einigen Kommunen sehen es die dort für die Kanalisation zuständigen Behörden deshalb auch nicht ungern, wenn Dränagen zur Grundstücksentwässerung in die Kanalisation eingeleitet werden, obgleich dies im Grundsatz nicht zulässig ist. Aber damit erübrigen sich die Kanalspülungen, was sich kostendämpfend auf den Unterhalt der Kanalisation auswirkt.

In manchen Regionen gibt es auch dadurch Probleme, dass dort mehr Trinkwasser erzeugt wird, als die im Versorgungsbereich wohnenden Verbraucher tatsächlich benötigen, weil sie zu kräftig Wasser sparen. Nach dem Bauboom, der einige Jahre nach der Wiedervereinigung einen Höhepunkt erreichte, haben sich die Investitionen in den Kläranlagenbau wieder deutlich normalisiert. Die Kosten für den laufenden Unterhalt, die Erneuerung von Kanälen bis zum Erhalt der Anlagen allerdings haben sich auf einem hohen Niveau eingependelt. Diese Kosten fallen permanent an, und zwar unabhängig davon, welche Abwassermengen in die Kanalisation eingeleitet werden. Dieser Anteil bewegt sich in einer Größenordnung von etwa 80 % der Gesamtkosten. Dies ist auch der Grund dafür, dass zahlreichen Kommunen auf die Idee gekommen sind, gerade die Kanalisation und die Kläranlagen auf Private zu übertragen, die (angeblich) alles schneller und billiger bauen können und auch in der Lage seien, die Unterhaltskosten niedriger zu halten. Vergessen wird bei diesen Aussagen gerne, dass diese PPP-Verträge immer nur zeitlich befristet sind und die dann oftmals abgewirtschaftete Kanalisation samt einer ebenfalls am Ende des Lebenszyklus sich befindlichen Kläranlage an die Kommune zurückfällt, meist verbunden mit relativ hohen Übernahmekosten. So werden zwar die anfänglichen Investitionskosten wählerwirksam niedrig gehalten, allerdings werden die realen Kosten weit in die Zukunft verschoben. Diejenigen politisch verantwortlichen, die diese hohen Kosten auf die nachfolgenden Generationen übertragen haben, sind dann längst nicht mehr in ihren Ämtern und genießen eine mehr oder weniger höchst komfortable Politikerpension...

Aufgrund der rechtlichen Vorgaben und hoher Umweltstandards befinden sich die Kläranlagen in Deutschland im Vergleich zu den allermeisten europäischen Nachbarländern auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau. Wie in vielen anderen Fällen auch, haben die Deutschen wieder einmal die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie in vorauseilendem Gehorsam umgesetzt und noch etwas draufgesattelt. Diese hohen Standards, die sich in kaum noch messbaren Verbesserungen der Wasserqualität des gereinigten Abwassers bemerkbar machen, sind der eigentliche Grund für die hohen Abwassergebühren. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass die konsequent durchgezogenen Verbesserungen der Kanalisationen und der Neubau zahlreicher Kläranlagen und Nachrüstung bestehender Kläranlagen mit neuer Reinigungstechnik die Wasserqualität unserer Bäche und Flüsse in den letzten Jahren überaus positiv verbessert haben. Selbst im Rhein, noch in den 1970er Jahren eine chemikalienverseuchte Kloake, sind inzwischen wieder Fische heimisch geworden, sogar Lachse schwimmen wieder flussaufwärts. All dies sind eindeutige Belege dafür, dass sich die erheblichen Investitionen und Verbesserungen der Abwasserreinigung gelohnt haben und weiterhin lohnen.

Ein Grundsatz kann aus den vorgenannten Ausführungen abgeleitet werden: Es lohnt sich nicht, zuviel Wasser zu sparen, da dadurch die Kosten sogar steigen können. Es ist also durchaus sinnvoll, ruhig das eine oder andere Bad zu nehmen und so die Kanalisation zu spülen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Den Gewässern wird dadurch jedenfalls definitiv kein Schaden zugefügt.

siehe auch:
- Abwasserreinigung
- Biogas
- Dixi
- Einwohnerwert
- FFH-Richtlinie
- Grundwasserleitungen
- Gullydeckel
- Jauche
- Kanalklinker
- Kleinkläranlage
- Melioration
- Mischsystem
- Naturschutz
- Ökosystem
- Pipeline
- Schachtdeckel
- Toilettenkunde
- Trennsystem
- Vorfluter
- WC-Keramik