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Ziegler

Als »Ziegler« bezeichnet man den Handwerker, der Ziegel herstellt. Die niederdeutsche Bezeichnung für den Ziegler lautet »Tegler«, wobei dieser Name auf den lateinischen Ursprung »tegula« (für Dachziegel) hinweist. Da die Römer zwischen dem Dachziegel (»tegula«) und dem Backstein (»later«) unterschieden, gab es demzufolge auch unterschiedliche Bezeichnungen für den Dachziegler (»tegularius«) und den Mauerziegler (»laterarius«). Diese Unterscheidung findet sich noch heute in verschiedenen europäischen Sprachen:

• französisch: »tuilier« und »briquetier«,
• italienisch: »tegolaio« und »mattonaio«,
• niederländisch: »tichelaar« und »steenkakker«.

Die Berufsbezeichnung »Ziegler« war bis ins Jahr 1972 hinein die offizielle Berufsbezeichnung und anerkannter Lehrberuf. 1983 schließlich wurde der Lehrberuf des Zieglers in »Industriekeramiker« umbenannt.

Bei einem der ältesten Handwerksberufe der Welt bleibt es nicht aus, dass dafür auch Spitznamen verwendet werden:

Ziegelbäcker,
Ziegelpatscher,
• Lehmkonditor,
• Lehmpatscher

und mundartlich »Lahmapatscher«, wobei dieser Spitzname nicht mit dem Handwerker namens »Lehmer«, »Lehmpatzer« oder »Klaiber« verwechselt werden darf. Der Lehmer war derjenige Handwerker, der die Lehmausstakung der Fachwerke ausführte und Lehmschindeln herstellte.

Doch nicht nur Spitznamen haben sich im Laufe der Zeit gebildet, sondern es wurden auch Berichte, Erzählungen, Gedichte und Lieder rund um den Beruf des Zieglers veröffentlicht, die man allgemein als »Zieglerdichtung« bezeichnet. Die Zieglerdichtung befasst sich mit dem Leben und der Arbeit der Ziegler. Auch Theodor Fontane (1819-1898) hat sich in den »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« im Jahre 1870 mit der Ziegelherstellung im Dorf Glindow befasst. Dort stellten zu jener Zeit 500 Arbeiter Ziegel her, wobei die Ziegler in drei Kategorien eingeteilt waren: fremde Ziegelstreicher (die »Lipper«), einheimische Ziegelstreicher und die Tagelöhner. Die Tagelöhner bildeten dabei die Unterschicht der Ziegler, sie leisteten lediglich Handlangerdienste bei der Ziegelherstellung. Abseits der romantischen Verklärung dieses uralten Handwerksberufs ist jedoch klarzustellen, dass es sich um eine schwere körperliche Arbeit handelte, die zudem noch schlecht bezahlt wurde und keinerlei gesellschaftliches Ansehen genoss, obgleich die schwere Arbeit der Ziegler gerade in den Gründerjahren (ab etwa 1870 bis 1914) für den Aufbau der aufstrebenden Städte wie z. B. Wiesbaden von enormer Bedeutung war.

Im dritten Teil über das Havelland von Theodor Fontanes »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« heißt es wörtlich (in alter Rechtschreibung):

„Auch in Glindow und seinen Dependenzien wird ein vorzüglicher Stein gebrannt, aber dennoch nicht ein Stein, der den Rathenowern und Birkenwerderschen gleichkäme. Die Herstellung im Dorfe Glindow selbst erfolgt durch etwa 500 Arbeiter aller Art. Wir unterscheiden dabei: fremde Ziegelstreicher, einheimische Ziegelstreicher und Tagelöhner. Über alle drei Kategorien ein Wort.

Fremde Ziegelstreicher werden hier seit lange verwandt. Die einheimischen Kräfte reichen eben nicht aus. Früher waren es »Eichsfelder«, die kamen und hier, ähnlich wie die Warthebruch-Schnitter oder Linumer Torfgräber, eine Sommercampagne durchmachten. Aber die »Eichsfelder« blieben schließlich aus oder wurden abgeschafft, und an ihre Stelle traten die »Lipper«. Die behaupten noch jetzt das Feld.

Die Lipper, nur Männer, kommen im April und bleiben bis Mitte Oktober. Sie ziehen in ein massives Haus, das unten Küche, im ersten Stock Eßsaal, im zweiten Stock Schlafraum hat. Sie erheben gewisse Ansprüche. So muß jedem ein Handtuch geliefert werden. An ihrer Spitze steht ein Meister, der nur Direktion und Verwaltung hat. Er schließt die Kontrakte, empfängt die Gelder und verteilt sie. Die Arbeit ist Akkordarbeit, das Brennmaterial und die Gerätschaften werden sämtlich geliefert; der Lehm wird ihnen bis an die »Sümpfe« gefahren; der Ofen ist zu ihrer Disposition. Alles andere ist ihre Sache. Am Schlusse der Campagne erhalten sie für je 1 000 fertiggebrannte Steine einzweidrittel bis zwei Taler. Die Gesamtsumme bei acht bis zehn Millionen Steine pflegt bis 15 000 Taler zu betragen. Diese Summe wird aber schwer verdient. Die Leute sind von einem besonderen Fleiß. Sie arbeiten von drei Uhr früh bis acht oder selbst neun Uhr abends, also nach Abzug einer Eßstunde immer noch nah an siebzehn Stunden. Sie verpflegen sich nach Lipper Landessitte, das heißt im wesentlichen westfälisch. Man darf sagen, sie leben von Erbsen und Speck, die beide durch den »Meister« aus der lippeschen Heimat bezogen werden, wo sie diese Artikel besser und billiger erhalten. Mitte Oktober treten sie, jeder mit einer Überschußsumme von nahezu 100 Talern, den Rückweg an und überlassen nun das Feld den einheimischen Ziegelstreichern.

Die Einheimischen arbeiten ebenfalls auf Akkord, aber unter ganz andern Bedingungen. Sie erhalten nicht die ganze Arbeit, sondern die Einzelarbeit bezahlt und stehen sich dabei nicht erheblich schlechter als die Lipper. Während der Sommermonate teilen sie den Arbeitsplatz mit den letzteren derart, daß die Lipper zur Rechten, die Einheimischen zur Linken ihre Ziegel streichen. Soweit sind sie den Lippern ebenbürtig. Darin aber stehen sie hinter diesen zurück, daß diese das Recht haben, ihre Ziegel zuerst zu brennen. Mit andern Worten, solange die Sommercampagne dauert, gehört der Ofen ausschließlich den Lippern, und erst wenn diese fort sind, ziehen die Einheimischen mit den vielen Millionen Ziegeln, die sie inzwischen gestrichen und getrocknet haben, auch ihrerseits in den Ofen ein.

Die dritte Gruppe von Beschäftigten sind die Tagelöhner. Sie arbeiten auf Tagelohn, erhalten täglich acht Silbergroschen der Mann (sechs Silbergroschen die Frau) und bilden die Unterschicht einer Gesellschaft, in der die Ziegelstreicher, wie eine mittelalterliche Handwerkszunft, die Oberschicht bilden. Sie sind bloße Handlanger, Aushilfen für den groben Dienst, der keine »Kunst« verlangt, und erheben sich nach Erscheinung und allgemeiner Schätzung wenig über ein dörfliches Proletariat, das denn auch meistens in Familienhäusern untergebracht zu werden pflegt.

Dies führt mich auf die Gesundheitsverhältnisse dieser Ziegelbrenner-Distrikte. Die Berichte darüber gehen sehr auseinander, und während von einer Seite her – beispielsweise von Potsdamer Hospitalärzten – versichert wird, daß dieser stete Wechsel von Naßkälte und Glühofenhitze die Gesundheit früh zerstöre, versichern die Glindower Herren, daß nichts abhärtender und nichts gesunder sei als der Ziegeldienst in Glindow. Personen zwischen siebzig und achtzig Jahren sollen sehr häufig sein. Die Streitfrage mag übrigens auf sich beruhen. Sie scheint uns so zu liegen, daß dieser Dienst eine angeborene gute Gesundheit und gute Verpflegung verlangt – sind diese Bedingungen erfüllt, so geht es; die kümmerliche Tagelöhnerbevölkerung aber, die »nichts drin, nichts draußen« hat und zum Teil von einem elenden Elternpaar geboren und großgezogen wurde, geht allerdings früh zugrunde.

Der Gesamtziegelbetrieb ist, soweit Glindow selbst in Betracht kommt, in Händen weniger Familien: Fritze, Hintze, Fiedler; etwa neun große Öfen sind im Gange. Die Gesamtmasse produzierter Steine geht bis sechzehn Millionen, früher ging es über diese Zahl noch hinaus. Die Summen, die dadurch in Umlauf kommen, sind enorm. 1000 Steine = 8 Taler; also sechzehn Millionen (1000 mal 8 mal 16) = 128 000 Taler. Dies auf wenige Familien verteilt, muß natürlich einen Reichtum erwarten lassen, und in der Tat ist er da. Aber wie in Werder, so ist doch auch hier in Glindow dafür gesorgt, daß Rückschläge nicht ausbleiben, und es gibt Zeitläufte, wo die Fabriken mit Schaden arbeiten. Überall im Lande wachsen die Ziegelöfen wie über Nacht aus der Erde, und die Konkurrenz drückt die Preise. Die Zeiten, wo 1000 Steine fünfzehn Taler einbrachten, sind vorläufig dahin, man muß sich, wie schon angedeutet, mit acht und selbst mit siebeneinhalb begnügen. Nun berechne man die Zinsen des Erwerbs- und Betriebskapitals, das Brennmaterial, den Lohn an die Erdarbeiter, die Ziegelstreicher (zwei Taler) und die Tagelöhner, endlich die Kahnfracht (ebenfalls anderthalb Taler), so wird sich ergeben, daß von diesen acht Talern für je 1000 Steine nicht viel zu erübrigen ist. Die Hauptsorge machen immer die Schiffer. Sie bilden überhaupt, wie jeder weiß, der mit ihnen zu tun hatte, eine der merkantil gefährlichsten Menschenklassen. Mit erstaunlicher List und Aushorchekunst wissen sie in Erfahrung zu bringen, welche Kontrakte die Ziegelbrenner mit diesem oder jenem Bauunternehmer der Hauptstadt abgeschlossen haben. Lautet der Kontrakt nun etwa dahin: »Die Steine müssen bis Mitte Oktober abgeliefert sein«, so hat der Schiffer den Ziegelbrenner in der Hand; er verdoppelt seine Forderungen, weil er weiß, er kann es wagen, der Ziegelbrenner muß zahlen, wenn er nicht der ganzen Einnahme verlustig gehen will.

Die glänzende Zeit dieses Betriebes ist vorüber, genau seit jener Epoche, wo die Ziegelbrennerei einen neuen Aufschwung zu nehmen schien, seit Einführung der Ringöfen. Der Ringofen verbilligte die Herstellung des Steins; die ersten, die sich seiner bedienten, hatten enorme Verdienste; jetzt, wo ihn jeder hat, hat er die Produktion zwar gefördert, aber der Wohlhabenheit nur mäßig genützt.

Der Ringofen hat den alten Ziegelofen, wenige Ausnahmen abgerechnet, total verdrängt, und in Erwägung, daß diese Kapitel nicht bloß auf dem Lande, sondern auch von Städtern gelesen werden, die nur allzuselten Gelegenheit haben, Einblick in solche Dinge zu gewinnen, mag es mir gestattet sein, einen Ringofen, seine Eigentümlichkeiten und seine Vorteile zu beschreiben.“

.... (Ende des Zitats, der geneigte Leser möge bitte in den entsprechenden Berichten weiterlesen).

Aber nicht nur Fontane befasste sich in seinen Erzählungen mit den Zieglern, sondern auch der Lipper Zieglerdichter Friedrich Wienke (1863-1930), dessen Gedicht-Sammlung »Zieglerlieder« 1889 erschien. Wienke war selbst Ziegler und konnte so aus erster Hand den harten Beruf des Zieglers beschreiben bzw. besingen. Von ihm stammen u.a. die Gedichte bzw. Lieder »Die Zieglerfrau«, »Der Ziegelmeister«, »Der Zieglerkoch«,»Der Brenner«, »Die ersten Fremdengänger«, »Der Pfannenmacher« und »Lied des Karrenmanns«. Aus der jüngeren Zeit ist der Roman von Willi Fährmann »Der Mann im Feuer« (1989) zu erwähnen, der vom jungen Christian Fink handelt, der im Jahre 1932 mit einer Gruppe Lippischer Ziegler ins Ruhrgebiet zieht.

Die aus heutiger Sicht sehr schwere körperliche Arbeit des Zieglers wird vielfach unzureichend gewürdigt oder schamhaft verschwiegen. Auch bei Fontane wird dies bestenfalls angedeutet. Der Grundstoff Ton, der für jeden Ziegel (ob Dach- oder Wandziegel) erforderlich ist, wird von Hand in eine entsprechende Form gedrückt, an der Luft vorgetrocknet (dazu müssen die noch nicht gebrannten Steine entweder in der Fläche ausgelegt oder in Gestellen übereinander aufgeschichtet werden) und dann im Feldbrandofen bzw. erst später im Ringofen (Ringtunnelofen) gebrannt. Jeder einzelne Backstein musste dazu zunächst aufgeschichtet und nach dem Brennen wieder aus dem Brennofen herausgeholt werden. Diese Art der Ziegelherstellung hat sich seit den bekannten Anfängen in vorrömischer Zeit über viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende nur unwesentlich verändert, ehe erst im ausgehenden 19. Jahrhundert erste (mit Dampf angetriebene) Maschinen zum Einsatz kamen, die die Arbeit nach und nach erleichterten. Dies gilt prinzipiell für den vergleichsweise einfachen Backstein zur Herstellung von Mauerwerkswänden als auch für die Dachziegel, die mit zunehmender Verbesserung der Verfalzungen und aufgrund zahlreicher Formen auch aufwändiger in der Herstellung wurden.

Unterbrochen wurde die rein handwerkliche Ziegelherstellung während der Wirren der Völkerwanderung, da in dieser Zeit zudem noch einige Techniken zur Herstellung von gebrannten Ziegeln in Vergessenheit gerieten. Die Ziegelproduktion setzte erst ab etwa dem 8. Jahrhundert n. Chr. allmählich wieder ein. Ab etwa dem 12. Jahrhundert begannen zunächst die Mönche in den aufblühenden Klöstern mit der Ziegelproduktion. Gerade für den Bau dieser Klöster wurden zahlreiche Backsteine benötigt, wobei die Ziegelformate sich von Kloster zu Kloster teils deutlich unterscheiden konnten. Überliefert sind aus dieser Zeit die Begriffe »Klosterziegel« und »Klosterformat«. Klosterziegel sind heute unter dem Begriff »Mönch und Nonne« bekannt und dienten bzw. dienen zur Eindeckung von Dächern. Das Klosterformat ist ein Backsteinformat, der eine quaderförmige Form aufweist, wobei die Grundlänge meist etwa das Doppelte der Steinbreite beträgt. Erst später (ab etwa dem 14. Jahrhundert) kamen die Biberschwanzziegel hinzu, die zur Eindeckung der Dächer dienten und die Feuersicherheit in den meist eng bebauten Städten verbesserten. Im 18. und besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich entstanden immer kompliziertere Dachziegelformen, um die Regensicherheit zu verbessern. Die Dachziegel erhielten Verfalzungen, es entstanden zudem zahlreiche Schmuckziegel zur Verschönerung der Dächer, Firste und Grate.

Gleich, ob es sich um einfache Backsteine oder kompliziertere Dachziegel, die als Dachschmuck dienen sollten, handelte, deren Herstellung war eine anstrengende und schwere körperliche Arbeit, die in den meisten Fällen auch noch sehr schlecht bezahlt wurde (Fontane hat in seinem Werk auf die Gründe hierfür hingewiesen). Der Hauptteil der benötigten Ziegel wurde während der Zeit vom zeitigen Frühjahr über die Sommermonate bis zum späten Herbst produziert, da es nur in dieser Zeit möglich war, den feuchten Ton zu gewinnen und zu verarbeiten. Während der kalten Jahreszeit, in der der Boden gefror, waren die Ziegler in der Regel arbeitslos und mussten sich entweder mit etwas Landwirtschaft oder anderer (ebenfalls schlecht bezahlter) Arbeit über Wasser halten.

Die Arbeit begann in jedem Falle am frühen Morgen spätestens mit Tagesbeginn und endete erst nach dem Sonnenuntergang bzw. erst dann, wenn die Lichtverhältnisse ein Arbeiten nicht mehr zugelassen haben, da es ja keine ausreichende künstliche Beleuchtung gab. Bei einer Bezahlung im Akkord waren die Ziegler bestrebt, möglichst viele Backsteine je Arbeitstag herzustellen, um somit wenigstens halbwegs über die Runden zu kommen, obgleich sie dennoch nicht oder kaum in der Lage waren, für die produktionsfreie kalte Jahreszeit finanzielle Rücklagen zu bilden oder nebenher mit etwas Landwirtschaft selbst ausreichende Wintervorräte zu erzeugen. Es gab zwar Regelungen, dass gewisse Pausenzeiten einzuhalten waren oder Frauen und Jugendliche (ab 13 Jahre) weniger arbeiten sollten, doch wurden diese Regelungen meist nicht beachtet. Und Kinderarbeit (bis 12 Jahre), obgleich verboten, war ebenfalls an der Tagesordnung. Alle Bedürfnisse, die der Mensch sonst noch hatte, waren auf ein absolutes Minimum beschränkt: gegessen und geschlafen wurde nur, wenn es nicht mehr anders ging, wobei die luftigen Trockenschuppen oder bei kalter Witterung gar die Oberböden der Brennöfen als Schlafstellen dienten. Die hygienischen Verhältnisse, sofern man diese überhaupt so bezeichnen kann, waren aus heutiger Sicht wohl ebenfalls als eher grauselig anzusehen.

Ein Münchner Pfarrer beschrieb 1860 die Ziegeleiarbeiter seiner Gemeinde so: „Wenn irgendwo, dann läßt sich an diesen Lehm-Arbeitern die Misere unserer Zeit absehen. Sie sind Christen und glauben nichts, sie arbeiten und haben nichts. In der Kleidung sind sie mehr als demüthig und können sich an Feiertagen kaum ans Tageslicht wagen. Ein Arbeiter wanderte umher mit einem aus einem Getreidesack gemachten Kittel, auf dessen Rücken noch zu lesen war: `Pschorr 1855`. So gestaltet in Unglaube, Armuth und Verkommenheit ist der Arbeiter in der Ziegelhütte, und gibt es Ausnahmen, so ist die Zahl nicht groß.“ (Zitat aus „Sie arbeiten - und haben nichts“, Rhein-Main-Presse, 29.04.2010).

Eine ebenfalls sehr kritische Auseinandersetzung mit den üblen Arbeitsbedingungen der Ziegler findet sich in dem von Lily Braun im Jahre 1901 herausgegebenen Buch »Die Frauenfrage«: „Die Zieglerkrankheit, die Anämie, ergreift männliche wie weibliche Ziegelarbeiter, besonders, wenn ihr Schlafraum sich auf der Oberfläche von Ringöfenanlagen befindet, aus denen unaufhörlich giftige Dämpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter, besonders der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, füllt sich durch Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit förmlichen Steinen, schwärzliche Steine bilden den Auswurf. Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und Körperkraft. Dem `schwachen` Geschlecht werden Lasten auf die Schultern gelegt, die es zu Boden werfen. In Steinbrüchen, Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei Bauten schleppen oder schieben sie schwer beladene Tröge und Schubkarren; in Zuckerfabriken tragen sie täglich während zehn Stunden bis zu 800 je 16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen. In den Spinnereien und Webereien stehen sie oft während elf und zwölf Stunden; geschwollene Füße, Krampfadern, Nieren- und Unterleibsleiden zeugen davon.“

Erst in der Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert führten neue technische Errungenschaften zu allmählichen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen der Ziegler. In den Lehmgruben jener Zeit waren das Lösen und der Transport des Tonmaterials bis dahin reine Handarbeit unter Verwendung von Hacke und Schaufel, diese Arbeiten wurden nach und nach durch den Dampfbagger mit Kettenband und daran montierten Schürfeimern abgelöst. Der Transport des Rohtons und später der fertig gebrannten Backsteine mit der Schubkarre wurde durch von Dampflokomotiven gezogene Feldbahnen erleichtert. Die Herstellung der Ziegelrohlinge im Handschlagverfahren wurde durch den Einsatz von dampfbetriebenen Strangpressen beschleunigt und vereinfacht. Der einem Kohlenmeiler ähnelnde einfache Feldbrandofen, der vergleichsweise aufwändig für jeden Brennvorgang aufgeschichtet werden musste und dadurch wenig effektiv und produktiv war, wurde durch den Ringtunnelofen abgelöst, der ein mehr oder weniger kontinuierliches Ziegelbrennen ermöglichte und die Effizienz deutlich erhöhte.

Nicht zuletzt fanden auch soziale Verbesserungen ihren Niederschlag in der Arbeit des Zieglers. Die Arbeitszeiten wurden kontinuierlich verkürzt (Abkehr vom 14- bis 18-Stunden-Tag), außerdem erhielten die Ziegler nach und nach eigene feste Unterkünfte, die nicht mehr in unmittelbarer räumlicher Nähe zur Ziegelei standen. Und auch die hygienischen Standards verbesserten sich, der Bau und der Unterhalt von Sanitäreinrichtungen wurde durch die Gewerbeaufsicht kontrolliert. Durch alle diese Maßnahmen wurden zwar auf der einen Seite deutliche Produktionssteigerungen ermöglicht, diese führten jedoch andererseits zu neuem Stress. Das Leben der Ziegler wurde dennoch zunehmend leichter. Der moderne Baukeramiker als legitimer Nachfolger des Zieglers bedient eine inzwischen ausgereifte und auch vergleichsweise umweltfreundliche Technik und verfügt über einen entsprechenden Maschinen- und Gerätepark, der die körperlichen Belastungen inzwischen weitgehend eliminiert hat. Die Arbeitszeiten entsprechen heute denen anderer Industriearbeitsplätze, zudem ist die moderne Ziegelherstellung aktuell nicht mehr von der Jahreszeit oder dem Wetter abhängig.

siehe auch:
- Adobe
- Dachziegel
- Handschlagziegel
- Handstrich
- Imbrex
- Kupferschmied
- Lehm und Ton
- Naturrot
- Poroton
- Ringtunnelofen
- Spucke nicht auf den Bürgersteig-Ziegel
- Tegula
- Ysselziegel
- Ziegel
- Ziegelfieber
- Ziegelgänger
- Ziegelstreichen