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Chinesische Mauer

Gewaltsame Auseinandersetzungen bestimmen seit jeher das menschliche Zusammenleben ebenso wie der Wunsch nach Sicherheit. Es überrascht deshalb nicht, dass enorme bautechnische Anstrengungen unternommen wurden und immer noch werden, um Schutz und Wehrfähigkeit sicherzustellen. Aber der Bau von Festungen und Verteidigungsanlagen verfolgt einen Zweck, der weit über das militärische Ziel hinausgeht: Hohe Mauern und eindrucksvolle Tore demonstrieren Macht, sie dienen nicht nur dem Schutz vor dem Feind, sondern sind zugleich Symbole für Status und Herrschaft.

Das mit Abstand größte je von Menschenhand geformte Bauwerk der Erde mit einer Länge von über 6.000 Kilometern (nach anderen Quellen wird sogar von bis zu 10.000 Kilometern ausgegangen) entstand in den Anfängen vor weit mehr als 2000 Jahren in China. Die Bauzeit betrug über 1800 Jahre (221 v. Chr. - 1644 n. Chr., mit Unterbrechungen), ebenfalls länger als bei jedem anderen Bauwerk in der menschlichen Kulturgeschichte. Wie eine gigantische Schlange windet sich die Große Chinesische Mauer (chinesisch » Wanli Chang Cheng«, was soviel bedeutet wie »Unendlich lange Mauer«) über Berge und Täler, entlang an Flüssen und Wüsten. Sie führt vom Gelben Meer über das nordchinesische Bergland, entlang der Wüste Gobi bis zum Tschiajukan-Pass. Dass man die Chinesische Mauer als einziges Bauwerk der Erde vom Weltraum aus sehen kann, ist eine Legende, die durch Satellitenfotos widerlegt wurde, wie z. B. die gerade entstehenden Palm Islands vor der Küste Dubais belegen. Angeblich soll man jedoch die Chinesische Mauer als einziges Bauwerk der Erde vom Mond aus erkennen können, was von hier mangels Reisemöglichkeit naturgemäß nicht bestätigt werden kann.

Dennoch weiß niemand, wie lang genau die Chinesische Mauer denn nun wirklich ist. Denn in den über 1800 Jahren ihrer Entstehungsgeschichte wurden zahlreiche Abzweigungen und Varianten gebaut, von denen viele längst verfallen sind. 6.250 Kilometer dieser allemal gigantischen Mauer gelten als gesichert. Manche Forscher meinen jedoch, dass alle Teile zusammen eine Länge von über 10.000 Kilometer ergeben würden, was etwa 25 % des Erdumfangs entspricht! Etwa 20.000 Wehrtürme und 10.000 Wach- oder Leuchttürme sind bis heute erhalten geblieben. Mit den Steinen und Ziegeln dieser gigantischen Mauer könnte man eine ein Meter dicke und fünf Meter hohe Mauer bauen, die zehnmal um den Erdball reicht. Ihr chinesischer Name lautet »Wan Li Tschang Tscheng« (»Mauer der 10.000 Li«), was etwa einer Länge von 5.000 Kilometer entspricht, da ein Li 500 Meter misst.

Unzählige Legenden ranken sich um diese gewaltige Mauer, z. B. auch die, dass sie das einzige Bauwerk der Welt sei, welches man vom Mond aus erkennen könne. Beide Annahmen über die Chinesische Mauer haben sich nach einer Pressemeldung, die im April 2009 in zahlreichen Zeitungen erschien, als falsch erwiesen. Amerikanische Astronauten haben vom Mond aus vergeblich nach der Chinesischen Mauer Ausschau gehalten, soviel ist geklärt. Dafür haben die Chinesen selbst inzwischen genauer hingesehen und mit Hilfe von Kartographen und Denkmalschützern nachgemessen. Die offizielle Länge beträgt danach 8.851,8 Kilometer (Tageszeitung Welt Kompakt vom 20.04.2009) und damit 2.551,8 Kilometer mehr als bisher stets angegeben. Die Vermessungsingenieure brauchten hierfür über 2 Jahre unter Einsatz modernster Vermessungstechnik einschließlich GPS-Ortung, Infrarotstrahlung und hochaufgelöste Oberflächenfotos, um dies herauszufinden. Die Gesamtlänge ergibt sich aus 6.259,6 km Mauergrundlänge, 359,7 km Abhängen und 2.232,5 km Naturbarrieren wie Flüsse und Berge, die in den Verlauf der Chinesischen Mauer einbezogen werden. Doch die Vermutung besteht weiterhin, dass sie noch länger war und eine Gesamtlänge von über 10.000 km erreichte.

Streng genommen begann der Bau der »Großen Mauer«, so wird die Chinesische Mauer auch genannt, schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Die verfeindeten chinesischen Fürstentümer grenzten sich gegenseitig mit Wällen aus Erde und Steinen ab und bauten im Norden Hindernisse, um sich ihre nomadischen Nachbarn vom Leibe zu halten. Der Begriff »Große Mauer« steht für viele lange Mauern, die in verschiedenen Epochen der chinesischen Geschichte errichtet wurden. Von Anfang an war diese Befestigung mehr als nur eine Verteidigungsanlage: Sie markierte die Grenzen der Zivilisation, markierte Verwaltungseinheiten, trennte die geordnete agrarische chinesische Gesellschaft von der Barbarei der nomadischen Steppe. Das chinesische Zeichen für Mauer ist dasselbe wie für Stadt. Diese Grenze zu überschreiten bedeutete, die zivilisierte Welt zu betreten.

Nachdem Qin Shih Huang-di (259-210 v. Chr.) die zerstrittenen Reiche im Jahre 221 v. Chr. gewaltsam geeint hatte und Chinas erster Kaiser geworden war, begann er, beginnend in den Huashan-Bergen im äußersten Nordosten Chinas, systematisch einen soliden Schutzwall gegen die nomadischen Mongolenstämme anlegen zu lassen. Sein General Meng Jian führte seinen entsprechenden Befehl aus, eine Reihe früherer Mauern, die in den eroberten Ländern gebaut worden waren, miteinander zu verbinden und zu erweitern, um den plündernden Stämmen an der Nord- und Nordwestgrenze des Reichs Einhalt zu gebieten.

Der daraus entstandene Schutzwall reichte vom Golf von Po Hai über 300 Kilometer bis nach Lantschou. Als Material wurden vor allem Ausstichsoden aus Erde verwendet. In regelmäßigen Abständen gab es Wachtürme aus Holz, Stein und Lehm. Für den Bau wurden Gesetzesbrecher und Kleinbauern, aber auch Soldaten, die nach der Einigung nutzlos geworden waren, sowie in Ungnade gefallen Beamte zwangsverpflichtet. Ihre Qualen werden noch heute in chinesischen Volksliedern besungen. Zu harter Arbeit bei extremer Hitze und Kälte kamen ungenügende Unterkünfte und gravierende Ernährungsengpässe. Die Nahrungslieferungen kamen oft nie an der Mauer an, da die Fuhrleute sie unterschlugen. Deshalb wurden alle Bauern umgesiedelt, um direkt an Ort und Stelle Feldfrüchte für die Arbeiter anzubauen. Wie viele Menschen für den Bau ihr Leben gelassen haben, wird wohl nie mehr festzustellen sein. Manchmal wird behauptet, ein Mann pro Meter, manchmal sogar ein Toter pro Stein. Andere Autoren sprechen vom längsten Massengrab der Welt, weil die Opfer unter den Fundamenten begraben wurden.

Kaiser Wu-di (140-86 v. Chr.) ließ die Mauer dann im Nordwesten in Richtung Lop Nor bis Tschiajukan verlängern, um die Seidenstraße, die als Handelsroute immer wichtiger wurde, gegen räuberische Banden aus dem Norden zu schützen. Viele der späteren Mauern wurden von nichtchinesischen Völkern erbaut, die den Norden Chinas bevölkerten und sich gegen neue Wellen von Invasoren schützen wollten. Nach 220 jedoch wurde die Mauer vernachlässigt, begann zu zerfallen und wurde 1004 n. Chr. schließlich zunächst ganz aufgegeben.

1280 übernahmen die Mongolen die Herrschaft in China. Erst nach ihrer Vertreibung durch die Ming-Herrscher 1368 wurde die Mauer wieder auf- und ausgebaut. Bis zum 17. Jahrhundert bekam sie ihr heutiges Aussehen. Dabei sollen zeitweise rund eine Millionen Arbeiter beschäftigt worden sein. Die Mauer hatte aber nicht nur Verteidigungszwecke. In einem Land, in dem es wenige gute Straßen gab, diente der Weg auf der Mauer auch als wichtige Verbindungsroute, vor allem für militärische Zwecke. Außerdem hatten die an der Mauer stationierten Soldaten die Aufgabe, das Land zu erschließen.

Der größte Teil der noch erhaltenen Mauer wurde während der Ming-Dynastie (1368-1644) erbaut. Er windet sich auf Bergkämmen entlang und ist unten sechs Meter breit und zwischen 6 und 8,7 Meter hoch, teilweise sogar bis zu 16 Meter hoch. Der Wall, der mit vier Lagen Ziegeln gepflastert und von einer hohen Brustwehr mit Zinnen an der Außenseite und einer Brüstung an der Innenseite gesäumt ist, ist breit genug, dass fünf Reiter nebeneinander Platz haben. Auf Pässen und in Tälern wurden zusätzliche Mauern errichtet. Die Mauer wurde auch als Straße benutzt. Die in Abständen von 70 Metern gebauten Wehrtürme erreicht man über Steintreppen, Pferde gelangten über Rampen auf die Mauer. Im Schnitt stehen alle 70 Meter hohe Wachtürme, die über Steintreppen zu erreichen sind. Außerdem gibt es etwa 10.000 Leuchttürme, von denen aus tagsüber Nachrichten per Rauchzeichen, nachts mit Feuerzeichen weitergegeben werden konnten.

Als Material verwendete man nur das, was vor Ort am leichtesten zu beschaffen war. Die frühen Anlagen aus Lehm wurden nach der in China üblichen Stampfmethode gebaut. Im Süden und Westen benutzte man meist nur gestampften Lehm, in waldreichen Gegenden Eichen- und Kieferstämme und entlang der Wüste Gobi Sand und Kieselsteine, die mit Reisig zusammengehalten wurden. An ihren repräsentativsten Abschnitten jedoch, wie im Norden bei Peking, wurde ein Kern aus gestampfter Erde und Kies sorgfältig mit Steinen und Ziegeln ummantelt und auch die Türme und Treppen aus Stein gebaut. Bei der Lehmbauweise stellte man zu beiden Seiten der zu errichtenden Mauer Bohlen auf und füllte den Zwischenraum lagenweise mit Erde, die anschließend festgestampft wurde. Die Bohlen waren im Schnitt vier Meter lang und umschlossen ein Volumen von 80 m³ Erdreich. Man hat jedoch auch welche gefunden, die zwischen 3 und 20 Zentimeter dick waren. Manchmal legte man Schilf zwischen die Schichten, um den Trocknungsprozess zu beschleunigen.

Zu den bedeutendsten Mauerbaumeistern, die neue Baumethoden einführten, zählen die Ming. Während die westliche Hälfte ihrer Großen Mauer auf traditionelle Weise erbaut war, wurde die östliche, die die Hauptstadt Beijing vor den Angriffen der Mongolen und Mandschus schützen sollte, aus Steinen und Ziegeln um einen Kern aus gestampfter Erde oder Kies errichtet. Festungen wie die in Shanhaiguan, wo die Mauer bis ans Meer reicht, waren wie kleine Städte. Sie verfügten über Bunker für den Kriegsfall, eine Zugbrücke, Exerzierplätze und militärische Lagerhäuser ebenso wie über eingefriedete Felder und Gehege für Tiere.

Diese Bauweise war zeitaufwändig und teuer. Während ein Mann, ausgestattet mit einem Holzspaten und einem Bambuskorb sowie wieder verwendbaren Bohlen und einem Stampfer, in einem Monat 5,5 Meter Mauer errichten konnte, benötigte man 100 Männer, um dieselbe Länge aus Steinen und Ziegeln zu bauen, und man brauchte zudem ausgebildete Arbeitskräfte, die mit dem Material umgehen konnten. Steine mussten mit Hammer und Meißel behauen und aus Steinbrüchen herangeschafft werden. Oftmals erfolgte der Transport über felsiges Gelände, ehe man sie an der Baustelle verarbeiten konnte. Trockene Flussbetten und Wasserläufe wurden gepflastert und dienten als Arbeitsstätten. Die bis zu zwei Meter langen und eine Tonne schweren Steinplatten wurden mit Flaschenzügen oder Winden gehoben. Wo immer möglich, wurden Erdrampen eingesetzt, um die Blöcke auf die oberen Ebenen der Mauer zu befördern. Teilweise war das Gelände jedoch so steil, dass die Arbeiter auf Flaschenzügen und hölzerne Hebel angewiesen waren und die Blöcke von Hunderten von Männern hochgezogen werden mussten. Das galt auch für die riesigen Granitplatten von 50 Meter Länge und zehn Meter Breite, die das Fundament der Mauer bei Shanghaiguan bilden, dort, wo sie vom Meer umspült wird.

Die Ziegelverblendungen waren sieben oder acht Lagen dick. Man brannte die Ziegel in kleinen Brennöfen entlang der Mauer. In einem noch gut erhaltenen Ofen, den man 1991 fand, wurden Ziegel von 41 x 20 x 10 Zentimeter gebrannt. Man nimmt an, dass 22 solcher Brennöfen für einen Meter Mauer benötigt wurden. Es gab strenge Qualitätskontrollen: Aufzeichnungen aus dem 5. Jahrhundert zufolge wurde ein Arbeiter getötet und in die Mauer eingemauert, wenn der Aufseher seine Ahle 2,5 Zentimeter weit in einen Ziegel bohren konnte. Die Inschrift eines Steins aus der Ming-Zeit in Jiayuguan nennt das Jahr 1540 sowie den Namen des Aufsehers und belegt, dass die Arbeiten - eine Verdoppelung der Mauerhöhe auf neun Meter mit Ziegellagen, die auf die ursprüngliche Mauer aus gestampfter Erde geschichtet wurden - 100 Jahre in Anspruch nahmen.

Für viele Jahre schützte die Mauer das Reich der Mitte vor Mongoleneinfällen, doch im Jahre 1449 gelang den Oiroten der Durchbruch. Ein weiteres Mal, im Jahre 1644, eroberte ein Freibeuter namens Li Tschu-tscheng Peking, nachdem er die Mauer im Nordosten überwunden hatte. Nach dem Selbstmord des letzten Ming-Kaisers schloss sein General Wu San-kuei ein Bündnis mit seinen nördlichen Nachbarn, den Mandschus. Damit hatte die Mauer, die die beiden Reiche getrennt hatte, ihre militärische Bedeutung verloren. Ihre Bedeutung wird sie jedoch niemals verlieren, ihren Wert als nationales Symbol. Viele der zahllosen Männer und Frauen, die sie errichteten, starben bei der Schufterei, ihre Gebeine wurden, so heißt es, im Inneren der Mauer verscharrt.

China will bis 2014 sein Weltkulturerbe vor dem Verfall schützen. Denn, auch das ergaben die neuesten Vermessungen (Stand April 2009), nur noch 513 Kilometer der Großen Mauer sind halbwegs ordentlich erhalten. Für den Tourismus ist die Chinesische Mauer ein herausragendes Ziel, das es gilt, permanent zu pflegen und der Nachwelt zu erhalten.

siehe auch:
- Campanile
- Hochhaus
- Leuchtturm
- Limes
- Mausoleum
- Mega-Tower
- Pantheon
- Pyramiden
- Turmbau zu Babel
- Urbane Utopie
- Weltwunder
- Wolkenkratzer