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Baupfusch

Jeder, der sich mit der Anschaffung eines neuen Autos beschäftigt, studiert zahlreiche Kataloge, besorgt sich bei Verkehrsclubs und technischen Prüforganisationen Informationen, sucht den Erfahrungsaustausch mit Freunden und Bekannten und liest zudem zahlreiche Testberichte. Wirtschaftlichkeitsberechnungen werden angestellt, der Anschaffungs- und Wiederverkaufswert wird berücksichtigt, der Verbrauch fließt in die Überlegungen mit ein, Inspektions- und Reparaturkosten werden analysiert, teure Extras werden addiert usw. Aus allen diesen Informationen heraus fällt schließlich die Entscheidung für ein bestimmtes Fabrikat.

Die allgemeine Erfahrung vieler Baufachleute und insbesondere der Bausachverständigen belegt aber, dass diese Marktgesetze beim Bau oder beim Kauf einer Immobilie nur sehr begrenzt (teilweise sogar überhaupt nicht) beachtet und berücksichtigt werden, obgleich die Investitionskosten in der Regel ein Mehrfaches gegenüber einem neuen Auto betragen. Viele Bauherren verlassen sich oftmals nur auf einen Baupartner, und dies ist meist auch noch der Bauträger. Das ist der wohl schlechteste aller denkbaren Fälle. Und sind dann sehr oft verlassen. Sie reagieren wie gelähmt, wenn sie einmal die Schlagwörter „Bauqualität“ und „Nachhaltigkeit des Bauens“ hören. Solch waghalsigen Bauexperimente enden häufig genug als Alptraum, wie unsere nahezu täglich wiederkehrenden Erfahrungen mit durch Pfusch am Bau geschädigte Bauherren belegen. Bereits Lenin sagte: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Forciert wird diese Fehlentwicklung durch den um sich greifenden „Geiz-Ist-Geil-Trend“, schließlich ist die „billigste“ Planung und Bauausführung gerade gut genug. Unterstützt wird diese Mentalität durch dummes Politikergefasel, die von „Deregulierung“, „Entbürokratisierung“, „Verschlankung“ und „mündigem Bürger“ schwafeln, jedoch nur auf Kosten der Allgemeinheit ihre und die Pfründe ihrer Anwaltskollegen hegen und pflegen. Scheinbare Erleichterungen in den Bauordnungen erweisen sich nahezu immer als Rohrkrepierer, schließlich werden die ungezählten Paragrafen immer interpretierbarer formuliert. Auch benötigt man dicke Hefte im Format DIN A4 mit 100 und mehr eng beschriebenen Seiten, um darin „Handlungsempfehlungen“ zur Anwendung der Bauordnung bekannt zu geben (z.B. zur HBO 2002!). 16 Länderbauordnungen und die Musterbauordnung weichen häufig deutlich voneinander ab, Architekten- und Ingenieurkammern sorgen für weiteren bürokratischen und damit kostenträchtigen Aufwand. Der Schwachsinn hat schließlich Methode. Der erste Schritt einer echten Deregulierung wäre eine einzige bundeseinheitlich geltende Bauordnung. Aber die wird wohl erst dann kommen, wenn wir die Venus besiedeln können, was nach heutigen Schätzungen wohl noch einige Jahrtausende dauern wird (wenn überhaupt, die Atmosphäre ist wohl doch zu „ungemütlich“ und über 500°C heiß). Aber vielleicht können wir unsere Kleinstaaterei, die sehr stark an das 19. Jahrhundert erinnert, vorher zum Mars exportieren, um dort in diesem Sinne weiterzumurksen...

Selbstverständlich ist es klug, sparsam mit dem nur begrenzt zur Verfügung stehenden Geld umzugehen. Wer aber an der falschen Stelle spart, zahlt meist kräftig drauf. Eine fachgerechte Planung und Bauüberwachung durch einen von der Ausführung unabhängigen und ausgewiesenen Baufachmann bekommt man nicht zum Nulltarif. Bei den Fliesen dagegen kann man z.B. preiswertere nehmen, schließlich können diese nach einigen Jahren zur Not vergleichsweise einfach gegen andere ausgetauscht werden. Einen Keller, der im drückenden Wasser steht und dessen Planung und/oder Ausführung mangelhaft (undicht) ist, nachträglich richtig abzudichten, ist kaum bezahlbar oder technisch (fast) aussichtslos. Die Einhaltung der anerkannten Regeln der Technik kostet schließlich Geld, so dass bei Berücksichtigung dieser Spielregeln eine bestimmte Bausumme nicht unterschritten werden kann, ohne gleichzeitig an der Qualität zu sparen.

Es gibt nicht viele Bauträger, die auch was vom Bauen verstehen; eine Bau-GmbH kann schließlich jeder gründen und führen. Meist werden solche GmbHs von Kaufleuten geleitet, die unter rein betriebswirtschaftlichen Aspekten die Kosten eines Gebäudes kalkulieren. Sieht man dann in der Werbung Angebote von weniger als 1000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche für ein Einfamilienhaus, ist in der Regel höchste Vorsicht geboten. Diese Lockangebote gehen nahezu immer zu Lasten der Qualität, schließlich hat niemand etwas zu verschenken. Und eine Bau-GmbH verschwindet fast genauso schnell, wie sie gegründet ist. Was kommt dann, wer haftet für die miese Ausführung? Der Bauträger geht, der Bauschaden bleibt. Alles getreu nach dem Motto: „Sparen bis zum Bauschaden!“

Die häufigste Schadensursache liegt im Bereich der Gebäudeabdichtung; von unten, von oben, an den Wänden und Fenstern. Von der Einholung eines Bodengutachtens wird leichtfertig Abstand genommen, so dass in der Folge bei Kellern häufig auf eine für den Einzelfall notwendige und fachgerechte Abdichtung verzichtet wird (Wasser im Keller bedeutet häufig den „Tod“ einer Immobilie). Viele schlecht ausgebildete Wärmebrücken führen zu Tauwasserausfall und Schimmelpilzbildung in bewohnten Räumen mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen. Durch den bei praktisch fast allen Bauträgern anzutreffenden Einsatz völlig unqualifizierter Handwerker ohne oder mit nur geringen Deutschkenntnissen leidet die Qualität erheblich. Selbst wenn ein Bodengutachten existieren sollte, kann dieses kaum jemand lesen, geschweige denn interpretieren und daraus die richtigen Schlüsse ziehen und die fachlich richtigen Abdichtungsmaßnahmen umsetzen. Die zutreffenden Normen kennt meist auch der Baukaufmann nicht. Wozu auch, kosten schließlich Geld! Die Mangelbeseitigungskosten sind in jedem Falle erheblich höher als die Kosten, die für eine von vornherein richtige Ausführung anfallen würden.

Letztendlich ist jeder Bauherr in gewissem Maße selbst für Baupfusch verantwortlich. Wer am falschen Ende spart, erhält schlicht miese Qualität. Schließlich erwartet auch niemand für den Preis eines Trabbis einen Supersportwagen mit 1001 PS, um beim Vergleich mit den Autos zu bleiben. Preiswert bauen ist in jedem Falle möglich, nur sollte man dann einen unabhängigen, freiberuflich tätigen Baufachmann mit der Planung beauftragen und dann in der Bauphase einen auch davon unabhängigen weiteren Baufachmann (z.B. einen ö.b.u.v. Sachverständigen für Schäden an Gebäuden und/oder einen Prüfingenieur für Baustatik) für die Ausführungskontrolle hinzuziehen. Diese Planer und Qualitätsüberwacher sind ausschließlich dem Bauherrn verpflichtet und frei von Lieferinteressen, sie werden direkt vom Bauherrn bezahlt und nicht vom Bauträger. Der ausgewiesene und unabhängige Baufachmann prüft bereits vor Vertragsunterzeichnung bei einem Bauträger den Inhalt des Bauvertrags auf Unstimmigkeiten, bewusste Auslassungen oder nebulöse Beschreibungen (die mit Absicht drin stehen) und sorgt so dafür, dass der Vertrag ausgewogen ist und auch eine Gewährleistung abgesichert wird. Nach Schätzungen bauen etwa 80 bis 90 % aller Bauherren inzwischen mit einem Bauträger, vielfach holen sie sich jedoch keinen externen Rat hinzu. Die Folge sind viele Baumängel und zahllose, langwierige, teure und nervenzehrende Gerichtsverfahren.

Aus eigener Erfahrung kann von hier bestätigt werden, dass viele Bauherren erst dann fachlichen Rat suchen, wenn „das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“ und Baupfusch selbst vom Laien erkannt wird. Häufig sind Baumängel nur noch mit hohem Aufwand zu beheben, in manchen Fällen muss man sogar mit solchen Mängeln leben, ohne sie vollständig beheben zu können. Beispiel: Tiefgarage im Grundwasser mit fehlender Abdichtung gegen drückendes Wasser, die je nach Grundwasserspiegel (der bekanntlich je nach Region schwanken kann) hin und wieder oder gar dauerhaft überschwemmt wird. Eine nachträgliche Abdichtung gegen das unter der Bodenplatte fließende Wasser ist technisch nahezu unmöglich oder sehr teuer. Dabei kostet eine baubegleitende, durchgängige Qualitätskontrolle durch einen Baufachmann meist nur etwa 1 bis 1,5 % der Bausumme. In Anbetracht der durch Baupfusch verursachten Schäden, die sich allein in Deutschland auf mindestens 3,5 bis 4 Mrd. Euro jährlich belaufen, kaum nennenswert. Abgesehen davon, dass man sich viele nervenaufreibende Streitereien erspart, die häufig über Jahre anhalten und am Ende in einem Gerichtsverfahren wie das berühmte „Hornberger Schießen“ ausgehen. Man erhält dann bestenfalls „einen Titel ohne Mittel“! Sprich, der Baupfuscher ist pleite oder „plötzlich und unerwartet verlustig gegangen“.

Neben dem Lesen von vielen Fachbüchern, die sich mit dem Thema „Vermeidung von Baupfusch“ beschäftigen, ist der Rat von unabhängigen Experten ein wichtiger Baustein für den Bau eines Hauses ohne Baupfusch. Damit vermeidet man nicht nur Bauschäden, sondern spart unter dem Strich auch noch Geld.

Doch nicht nur in Deutschland breitet sich der Baupfusch immer mehr aus, auch die Nachbarländer beobachten dieses Phänomen. Einen sehr „interessanten“ Beitrag zu diesem Thema finden Sie z.B. unter:

http://www.justice-for-peace.org/baupfusch_uwg.htm

siehe auch:
- a.a.R.d.T.
- Alptraum
- Arglist auf dem Bau
- Bad Reichenhall
- Balkonabsturz
- Bauleiter
- Baustopp
- Bauwerksabdichtung
- Deregulierung
- Gefahrenabwehr
- Haftungsrecht
- Hinnehmbarer Mangel
- HOAI
- Koordinationspflicht
- ö.b.u.v. Sachverständiger
- Pfusch am Bau
- Planungsbüro
- Prüfingenieur für Baustatik
- Prüfverzicht
- QS
- Schwarzbau
- Streitwert
- Vier-Augen-Prinzip
- Werbeaussagen
- Zwangsversteigerung