elkage.de
Suchbegriff eingeben:

Zunft

Mit »Zunft« (mittelhochdeutsch »Regel«) bezeichnete man im Hochmittelalter die in allen europäischen Städten entstandene genossenschaftliche Organisationsform von Handwerkern und Kaufleuten. Der Begriff »Zunft« wurde überwiegend in Süddeutschland benutzt, in Mitteldeutschland waren stattdessen »Innung« oder »Ein(ig)ung«, am Niederrhein »Gaffel« und in Norddeutschland »Amt«, »Amtsbruderschaft«, »Bruderschaft« oder »Gilde« (so auch Kaufmannsvereinigungen in Handelsstädten) üblich. In Österreich waren auch die Begriffe »Zeche« oder »Innung« geläufig. Als »métiers« bzw. »mestieri« oder »arti« wurden sie in den französisch- bzw. italienischsprachigen Gebieten (ab dem 18. Jahrhundert auch als »corporations« oder »corporazioni«) bezeichnet. Die Bezeichnung »Zunft« für solche gewerblichen Verbände findet sich für den deutschsprachigen Raum erstmals 1226 in Basel.

Allen gemeinsam war, dass sie jeweils ortsgebunden waren, lediglich seltenere Gewerbe waren regional organisiert. Zünfte waren genossenschaftliche Organisationen von Handwerksmeistern des gleichen oder verwandten Gewerbes, sie bildeten sich heraus mit der kleinen Warenwirtschaft und der zunehmenden Arbeitsteilung in mittelalterlichen Städten. Die ersten Zünfte sind in Italien im 10. Jh. und in Deutschland im 11. Jahrhundert nachweisbar. Analoge Verbände im Baugewerbe waren die nicht ortsgebundenen Bauhütten, die später z. T. auch in Zünfte umgewandelt wurden.

Im Mittelalter waren auch fast alle nichthandwerklichen Berufstätigkeiten (Notare, Musikanten, Krämer, selbst Bettler und Dirnen) in Zünften organisiert. Die Zugehörigkeit zur Zunft war vor allem an den freien Stand und die so genannte ehrliche Geburt gebunden. Die äußere Organisation der Zunft, die von der Obrigkeit (Stadt, Landesherr, Kaiser) mit Monopolrecht ausgestattet war (es bestand Zunftzwang), beruhte auf der Gliederung in Meister, Gesellen und Lehrlinge. In der Regel war eine bestimmte Ausbildung für Lehrlinge und Gesellen vorgeschrieben: Lehrzeit, Gesellenzeit und Wanderzeit (als Wanderzwang erst seit dem 16. Jh. üblich).

Die Zünfte regelten oft sehr detailliert Arbeitszeit, Qualität der Produkte, Preise und Ausbildung, sie vertraten die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen des Gewerbes, außerdem unterstützten sie die Schaffung und Aufrechterhaltung eines gemeinschaftlichen Bewusstseins durch das Zunftbrauchtum. Die Zunftmitglieder wurden unterstützt und Darlehen wurden gewährt. Anfangs standen Zünfte allen Handwerkern offen. In den Kämpfen der Städte gegen die Landesherrschaft spielten die Zünfte eine maßgebliche Rolle, dann in denen des Bürgertums gegen das Patriziat (vornehme Familien). Im 13. Jh. traten die Zünfte als Vereinigungen religiöser Art auf, bis sie im 14. Jh. zu Organisationen wurden, die die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder vertraten, um während der Zeit des Barocks wieder einen stärker religiös betonten Charakter zu erhalten. Die ökonomische Funktion der Zünfte lag in der Sicherung des bürgerlichen Einkommens, d.h. der Reservierung des Marktes nur für Zunftmitglieder, in gewissem Sinne eine erste Monopolbildung. Um dies sicherzustellen, erfolgte daher im Spätmittelalter eine zahlenmäßige Begrenzung der Handwerksbetriebe, außerdem wurden Rohstoffe und Arbeitskräfte gleichmäßig an die Zunftmitglieder zugeteilt.

Ab dem 15. Jahrhundert begann die Politik, die Kartellbildung der Zünfte zu bekämpfen, was natürlich zu entsprechendem Widerstand bei den Zünften führte. In vielen Städten des Spätmittelalters waren die Zünfte auch an den Stadtregierungen beteiligt, wogegen sich einige Städte mit entsprechenden Verboten wehrten (z.B. Nürnberg), um ihrerseits die Zünfte zu kontrollieren. Die Folge war, dass die Zünfte sich gegen Neuaufnahmen abkapselten und Frauen aus dem Handwerk verdrängten. In Köln beispielsweise gab es im Mittelalter einen hohen Frauenanteil in einigen Zünften, in Paris gab es sogar sechs Frauenzünfte. Durch diese Abkapselung wurden die Zünfte von den Gesellen selbst bekämpft, da sie nicht mehr in einer Zunft aufgenommen wurden oder von ihren Meistern lebenslang abhängig waren. In Deutschland wurde 1731 schließlich die eigene Zunftgesetzgebung aufgehoben (u.a. der Zunftzwang, „Reichsbeschluss“ gegen die Missbräuche im Handwerk), sodass die Zünfte mehr und mehr an Bedeutung verloren. Ab dem 18. Jh. wurde die Gewerbefreiheit eingeführt, so 1791 in Frankreich, 1810/11 in Preußen, 1859 in Österreich und endgültig in Deutschland 1869. In den heute bekannten Innungen und Kammern bleibt der Gedanke des beruflichen Zusammenschlusses lebendig.

Die Zünfte hatten die Aufgabe, für beruflichen Nachwuchs zu sorgen. Die Ausbildung begann als Lehrling bei einem Meister, die mit der Anfertigung des Gesellenstücks endete. Während dieser Zeit erhielt der Lehrling kein Geld, lediglich Kost und Logis waren frei. Danach wurde er von der Zunft »freigesprochen«, d. h. er wurde als Geselle auf Wanderschaft geschickt. Der Geselle ging in andere Städte, um dort bei anderen Meistern seine Kenntnisse zu vertiefen. Nach seiner Rückkehr konnte er in der Zunft zum Meister aufsteigen und erst danach einen eigenen Betrieb gründen und leiten. Das Meisterstück als Nachweis der Kenntnisse und Fähigkeiten wurde erst im 15. Jh. allgemein eingeführt. Entscheidungen wurden von den Meisterversammlungen (so genannte Morgensprachen) getroffen, denn nur die Meister waren Vollgenossen der Zunft; an der Spitze standen zunächst landesherrliche Beamte, später die gewählten Zunftmeister (Aldermann). Die Zunft legte das Meisterstück fest und überwachte auch streng die Ausführung. Bevorzugt wurden die Söhne der in einer Zunft organisierten Meister, sodass man sich auf diese Weise unerwünschte Konkurrenz vom Leib hielt, was jedoch auch zu entsprechenden Verkrustungen führte. Viele Gesellen blieben auf diese Weise praktisch lebenslänglich abhängig von ihrem Meister, zudem war ihre Bezahlung meist schlecht. Nach dem Vorbild der Zünfte waren die Gesellen seit dem 14. Jahrhundert vielfach in Gesellenbruderschaften (Schächte) zusammengeschlossen. In sozialer Hinsicht unterstützten die Zünfte auch die Gesellen (u. a. durch Einrichtung von Herbergen) und waren Träger von Kranken- und Sterbekassen.

An erster Stelle der Zunft stand der Obermeister, darunter dann die Meister, dann die Gesellen und am Ende der Skala die Lehrlinge. Zur Abgrenzung gegen andere Zünfte hatte jede Zunft ihr eigenes Zunftzeichen. Die Meister traten im Zunfthaus bei geöffneter Zunftlade zusammen; diese war oft in Form eines dem Zunftheiligen geweihten Klappaltars gearbeitet und enthielt die Namen der Zunftmitglieder (»Zünftigen«). Die Gesellen pflegten eigene Bräuche; die Lehrlinge wurden unter feierlichen Zeremonien losgesprochen, die mitunter in derben Scherzen endeten. Einzelne Bräuche haben sich bis heute erhalten, z. B. das »Gautschen« der Drucker, in München der Schäfflertanz und Metzgersprung (mit heute eher folkloristischem Charakter). 1968 entstand eine Vereinigung »Europäischer Gesellenzünfte«, die vor allem die Wandertradition fortführt.

In Zünften waren auch die in den Künsten tätigen Handwerker organisiert (z.B. Fassmaler). Goldschmiede-, Zinngießer- und andere Zünfte vergaben lange Zeit die Beschauzeichen, die ein wichtiges Mittel zur Datierung und Lokalisierung alter kunstgewerblicher Gegenstände sind. Zünfte hatten oft aufwändige Sitze in Kirchen und Rathäusern. Sie entwickelten eigene Gebräuche und Trachten, hatten eigentümliche Geräte, z.B. Zunfttruhen meist kleinen Formats und Zunftladen zur Aufbewahrung der Zunftregister, gelegentlich als Klappaltärchen gebaut mit Malerei auf der Außenseite. Weiter gab es Zunfthumpen (Becher), meist aus Zinn (Zunftzinn) oder Glas (z. B. der berühmte Bartmannskrug der Kölner Kachelbäcker 1555), oft mit Münzen behängt und mit einer Ritterfigur auf dem Deckel, Zunftschilder aus einem meist für die Zunft charakteristischen Material sowie Zunftschlüssel (meist aus Zinn) mit Sinnbildern der Zunft zwischen Greifen, Löwen oder Gesellen bzw. mit Darstellungen von Landsknechten (17. Jh.), Liebespaaren (18. Jh.) oder Bürgern, Bauern, Blumensträußen (19. Jh.). Gebräuchlich waren letztere häufig in Siebenbürgen.

Viele überlieferte Zunftgeräte stehen der Volkskunst nahe und befinden sich heute in Heimatmuseen. In der Architektur sind die Zünfte in Ausnahmefällen Urheber städtischer Repräsentationsbauten (z.B. Köln, Rathausturm, Gürzenich). Zahlreich waren besonders im deutschen und niederländischen Sprachgebiet die Zunft- und Gildehäuser besonders reicher Zünfte, die teils für Versammlungen, teils für Verwaltungszwecke dienten. Diese Gebäude fügen sich in der Regel in das Straßenbild ein, haben als Hauptraum einen großen Saal und gehören auch zu den Repräsentanten der Architektur ihrer Zeit. Überliefert sind solche Gebäude seit Anfang des 14. Jahrhunderts, im 15. und 16. Jahrhundert waren sie auch von der Ausstattung her besonders prächtig und bis ins 18. Jahrhundert noch architektonisch bedeutsam.

Namentlich in der Spätgotik und Renaissance traten Zünfte als Auftraggeber für bildende Kunst (kooperative Stiftung von Altären) in fast allen europäischen Ländern hervor, besonders eindrucksvoll in Italien (z.B. für Architektur und Plastik in Florenz).

Ausführlicher wird auf dieses interessante Thema in dem Buch »Über den Einfluss des Bauordnungsrechts auf die Bauqualität« eingegangen, welches direkt beim Ing.-Büro LKG bestellt werden kann (siehe entsprechenden Schalter auf dieser Homepage).

siehe auch:
- Architekt
- Bauingenieur
- Dachdecker
- Flaschner
- Gilde
- Handwerk
- Ingenieurkammer
- Steinmetz
- Tischler
- Zertifizierung
- Ziegelgänger