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Lahnmarmor

Über einen Zeitraum von etwa 400 Jahren wurde an der Lahn der wegen seiner reichen Farbigkeit sehr begehrte »Lahnmarmor« abgebaut, dann wurde er, weil er zu bunt und damit unrentabel war, verschmäht. Die Vorkommen des Lahnmarmors sind heute, wo noch nicht erschöpft, so doch nicht mehr konkurrenzfähig gegen Billigeinfuhren, in den 70er Jahren des 20. Jh. kam das Aus für diesen farbenprächtigen und damit teuren Marmor von der Lahn. Die Gegend um die Stadt Villmar war das Zentrum des Vorkommens und der Verarbeitung des Lahnmarmors, das heute nur noch für Geologen von Interesse ist. Der Lahnmarmorbergbau bedeutete lange Zeit eine wichtige Einnahmequelle und ist Teil der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte im ehemaligen Nassau.

Im Gegensatz zum Marmor geriet der Lahnmarmor nicht in größerer Tiefe unter hohen Druck, dadurch hätte er nämlich seine Farbigkeit und seine dekorative Zeichnung verloren. Entstanden ist der Lahnmarmor als Sedimentgestein und aus Riffen des Devonmeeres vor ca. 380 Mio. Jahren. Mehrere hundert Meter dick sind die so entstandenen Massenkalke. Aus dem Devonmeer stiegen die ersten Wirbeltiere an Land; seine Temperatur konservieren wir bis heute in unserem Blutkreislauf.

Hinter der Scheibe in einer Vitrine im Steinsaal des Wiesbadener Museums steht, auf Hochglanz poliert, eine Platte aus Lahnmarmor in wunderschönem Rot, gesprenkelt mit milchig-weißen, kreisförmigen „Tupfen“. Fast wie ein abstraktes Bild. Lahnmarmor ist eigentlich kein echter, also in großer Tiefe und unter hohem Druck entstandener Marmor, sondern ein nicht metamorphosierter, schleifbarer Massenkalkstein, der auch als Nassauischer Marmor bezeichnet wird.

Der hohe Kalkgehalt des Devonmeeres, welches sich über weite Teile Deutschlands erstreckte, begünstigte das Wachstum von Muscheln, Krebstieren und Schnecken sowie der Riffbildner: Schwämme, Stromatoporen (eine ausgestorbene, urtümliche Schwammart) und Korallen. Die milchig-weißen Kreise im Rot der Lahnmarmorplatte sind die fossilen Spuren der Stromatoporen. In flachen Lagunen verrottete ein reicher Pflanzenwuchs; der im Faulschlamm entstehende Kohlenstoff färbte den sich bildenden Kalkstein schwarz und grau. Eine lebhafte vulkanische Tätigkeit ließ eisenhaltiges Wasser über den sich bildenden Kalkstein fließen und in ihn eindringen - es färbte ihn hell- und dunkelrot, braun und gelb. So entstanden die vielen Varietäten des Lahnmarmors, vom schwarzen, weiß- oder goldgeäderten Schupbacher bis zum schwarz-rot-geflammten Unica und zum hellrot geschleierten Bongard in Villmar. Die Entstehung eines Stromatoporen-Riffs im Devonmeer ist nirgends in der Welt so klar zu sehen wie im Unica-Bruch in Villmar. Der Aufschluss im Unica-Bruch - eine in zwei Terrassen gegliederte, etwa 6 Meter hohe, 15 Meter breite, gesägte Wand - gilt als ein sehr seltenes, vielleicht in der ganzen Welt sogar einmaliges Zeugnis der Entwicklung eines Stromatoporen-Riffs. Einzigartig und anschaulich erhielt sich hier ein urzeitliches Riff in Lebensstellung, das heißt unverkippt und unzerstört von späteren gebirgsbildenden Bewegungen. Dank einstiger Abbaumethoden, bei denen man dem Riffkalk mit riesigen Seilsägen zu Leibe rückte, können Besucher heute auf mehreren, stufenartigen Etagen durch das devonische Naturdenkmal spazieren. Hier ist das Zentrum des künftigen Lahn-Marmor-Museums geplant.

In diesem Naturdenkmal von Weltrang ist auf einzigartige Weise ein Blick in die Urgeschichte der Erde möglich. Die polierten Schnitte im Bruch erlauben eine genaue Analyse der Lebewesen und ihrer Lebensbedingungen vor 380 Millionen Jahren, als dieses Riff entstand. Damals lag unsere Region südlich des Äquators. Überall auf der Erde wuchsen zu jener Zeit Riffe auf ehemaligen Vulkanen. Myriaden von Schwämmen, Korallen, Muscheln und Seelilien schufen diese Formationen durch ihre Kalkablagerungen. Die Farbenpracht entstand durch Eisen- oder Mangan-Partikel im Wasser, die sich im lockeren Sediment ablagerte, aber nicht die harten Kalkschalen färbten.

Entdeckt und abgebaut wurde der Lahnmarmor nach bisheriger Meinung seit dem 16. Jh.; Grabungen im Römerlager Xanten legen jedoch die Vermutung nahe, dass ihn schon vor 2000 Jahren die Römer kannten und nutzten. Lahnmarmor wurde weltweit eingesetzt: In der Metro von Moskau, der Eingangshalle des New Yorker Empire State Buildings, im Wiesbadener Kurhaus (vgl. Abb.), in der Moskauer Metro oder im Palast des Maharadschas von Tagore (Indien), um nur einige bekanntere Gebäude zu nennen.

Wer sich in der Landeshauptstadt Wiesbaden auf Spurensuche nach verarbeitetem Lahnmarmor aus den vergangenen Jahrhunderten begibt, wird reich belohnt. Hier bevorzugten die weltlichen und geistlichen Herren zum Bauen den Naturwerkstein aus dem nassauischen Land nicht allein wegen der Schönheit, sondern auch um ihre gesellschaftliche Stellung zu demonstrieren. Der Glanz der steinernen Zeugen ist heute noch in der Russischen Kapelle, im Kurhaus (insbesondere dem Christian-Zais- und Friedrich-von-Thiersch-Saal), im Staatstheater, im Hessischen Landeshaus und Landesmuseum, in der Lutherkirche, in Hotels und Privatvillen, aber auch im Biebricher Schloss zu bewundern. In diesem anmutigen Barockschloss befindet sich heute der Sitz des Landesamtes für Denkmalpflege. Falls sich dem interessierten Besucher einmal die Gelegenheit bieten sollte, wird die Besichtigung dieses schönen Barockschlosses mit den prachtvollen Säulen und Marmorpilastern des Festsaales empfohlen. Leider ist dieser schmucke Raum in der Regel der Hessischen Landesregierung und besonderen Festveranstaltungen vorbehalten.

siehe auch:
- Arkose
- Carraramarmor
- Dendriten
- Diabas
- Gabbro
- Gesteine
- Granit
- Gesteine
- Jura-Marmor
- Kalkstein
- Lithografieschiefer
- Marmor
- Porphyr
- Trachyt