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Pfusch am Bau

Durch den beängstigenden Verfall der am Markt erzielbaren Baupreise sind alle Planer, Bauunternehmer und Handwerker fast automatisch dazu gezwungen, die eigenen Leistungen auf ein Minimum zu reduzieren. Dies hat zur Folge, dass der »Pfusch am Bau« und die in ein Bauwerk eingebauten schadens- und kostenträchtigen Mängel rapide zunehmen. Einhergehend mit diesem Preisverfall wird politisch einer „Deregulierung“ das Wort geredet, d.h., der »mündige Bürger« soll sich in allen Belangen gefälligst selbst um sein Bauvorhaben kümmern. Da jedoch der durchschnittliche Bauherr nur einmal im Leben selbst baut bzw. bauen lässt und in der Regel nicht aus dem Baufach kommt, stellt dies eine unüberwindbare Hürde dar, wenn nicht kompetente Fachleute seines Vertrauens in den Bauprozess eingebunden werden.

Die nachfolgenden Ausführungen wurden aus dem Umdruck „Verhinderte und eingetretene Schadensfälle - Ursachen für Bauschäden und Bedingungen für schadenarmes Bauen“ anlässlich des 17. Fortbildungsseminars Tragwerksplanung, welches am 09.09.2003 in Darmstadt stattfand, entnommen (Autor Prof. Dr.-Ing. Steffen Kind, Wiesbaden):

Den besten Überblick über die (zeitliche) Entwicklung der Schadensfälle haben Versicherungen und Versicherungsmakler. Sie stellen übereinstimmend fest, dass die Versicherungsschäden in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Dies hat im Wesentlichen zwei Ursachen:
• Zum einen ist die Schadenshäufigkeit wirklich gestiegen
• Zum anderen hat die Neigung zugenommen, kleinere Mängel, die früher einfach hingenommen wurden, heute als großen Schaden zu deklarieren, Honorare zu beschneiden und Ingenieurbüros in die gesamtschuldnerische Haftung zu nehmen.

So stieg bei der Dienstleistungsgruppe UNITA, welche als Versicherungsmakler ca. 8.500 Architektur- und Ingenieurbüros betreut, die Zahl der Schadenszahlungen (unabhängig von Verstoßzeitpunkt und Meldejahr) von 247 Fällen im Jahr 1992 auf 850 Fälle im Jahre 2000 (+ 245 %). Die Durchschnittszahlungen stiegen dabei von 11000 Euro auf 25000 Euro (+127 %). Waren in 1992 noch 5 % der versicherten Büros betroffen, sind es in 2000 bereits 10 %.

Einige Schadensursachen sollen nachfolgend aus der Sicht eines Tragwerksplaners benannt werden:

Planungsphase:
1. Gute Planung braucht Zeit!
Zu kurze Terminvorgaben und eine unauskömmliche Honorierung führen zur Ausdünnung der Planungsleistungen (wenngleich häufig viele hundert Seiten Computer-Statik beigefügt sind). So werden eigentlich zu erbringende Leistungen an ausführende Firmen verlagert, die vielfach dazu nicht in der Lage sind. In den Statiken heißt es dann:
• Detailnachweise durch ausführende Firma
Bauleiter hat örtlich Bodentragfähigkeit zu prüfen...

2. Differenzierung des Planungsprozesses erhöht die Zahl der Schnittstellen und den erforderlichen Koordinierungsaufwand:
• Ein Tragwerksplaner zeichnet die obere Bewehrung.
• Die Fertigteilfirma stellt die untere Bewehrung dar.
• Die Einbauteile werden von einer dritten Firma geliefert.
• Wer koordiniert?

3. Überkomplizierte Normen, welche in zu kurzen Abständen ausgetauscht werden:
Normen sollen Regeln aufstellen und einfache Lösungen für häufig auftretende Fälle liefern. Darüber hinausgehende Angaben sollten der Literatur entnommen werden. In vielen Normen finden allerdings in beängstigendem Maße zunehmend äußerst komplizierte Verfahren anstelle von verständlichen Ingenieur-Lösungen Eingang. Der Umfang der Normen nimmt auch inhaltlich Besorgnis erregende Ausmaße an (z.B. DIN V 18599 mit über ca. 800 Seiten!). Verfahren lassen sich nicht mehr mit Formeln „per Hand“ bzw. mit dem Taschenrechner lösen und sind somit nicht mehr relativ einfach zu überblicken und zu kontrollieren. Das ingenieurmäßige Denken und Handeln wird durch Abarbeitung von auf komplizierten Normen aufbauuenden und damit undurchschaubaren Programmen ersetzt. Eine Plausibilitätskontrolle ist praktisch nicht mehr möglich.

Dies widerspricht der bewährten Regel, einfache Aufgaben möglichst auch einfach zu lösen.

Nun will natürlich keiner mehr die Computer missen. Sie haben aber bekanntlich zwei Eigenschaften:
• Gute Ingenieure gewinnen durch die Computernutzung Zeit und nutzen sie konstruktiv, z.B. für Variantenuntersuchungen, um wirtschaftlichere und/oder technisch bessere Lösungen zu finden.
• Schlechte Ingenieure und Berufsanfänger werden durch den Computer in der Regel nicht besser, sondern verkommen zu »Computerhörigen« oder »Computergläubigen« („hat doch der Computer berechnet, das stimmt schon so...“).

Kürzlich wurde unter der Überschrift »Normenflut gegen Ingenieurverstand« ein Aufruf initiiert, der sich gegen die weitere Verbürokratisierung des Ingenieurwesens richtet (diesen finden Sie unter dem Schalter [Infos], dort unter „Für Sie gelesen“.

Ausführungsphase:
1. Der Einsatz von „Sub-Sub-Sub-Untemehmen“ vergrößert die Anzahl der Schnittstellen, erhöht den Koordinationsaufwand und fördert die Schadensanfälligkeit.
2. Geringe erzielbare Preise führen unweigerlich zum Einsatz von Hilfskräften.
3. Hinzu kommen die bekannten Kommunikationsprobleme auf der Baustelle. Die gewerblichen Kräfte sind häufig nicht fachkundig, oft nicht sprachkundig oder beides. Die mangelnde Sprachkunde ist hierbei das geringere Problem. Sie kann behoben werden, wenn die Kolonnen durch einen doppelsprachigen Vorarbeiter, Polier etc. angeleitet werden. Mangelnde Sachkunde kann hingegen kaum ausgeglichen werden.

Bei den Schadensfällen, welche den Architektur- bzw. Ingenieurbüros zugewiesen werden, lassen sich drei Schadensgruppen erkennen:
Wasser am Bau,
Schadensfeuer,
• Schäden an der Umgebungsbebauung.

Der Hauptteil der Haftpflichtzahlungen entfällt dabei auf „alltägliche Bauwerke“, die in den Augen der Allgemeinheit als besonders leicht und unproblematisch gelten. Auf eine ausreichende zeichnerische Darstellung, gar eine Statik wird da gern verzichtet.

Insbesondere auf dem flachen Land ist den Bauherren und der Öffentlichkeit nicht wirklich zu vermitteln, dass eine Planung durch den Architekten (oder bauvorlageberechtigten Bauingenieur) und eine dazugehörige statische Berechnung notwendig ist Sie verstehen es kaum, obwohl sich die Verhältnisse im Bauwesen massiv geändert haben:
Während über viele Jahrhunderte (bis noch vor wenigen Jahrzehnten) die Häuser vielfach ähnliche Grundrisse hatten, Wände standen übereinander (!) und die Ausführenden selber über Jahrzehnte nahezu identische Bauten errichteten, also innerhalb ihres Erfahrungsbereiches blieben, haben sie heute vielfach ihre Erfahrungsbereiche verlassen: Häuser werden (sieht man von Reihenhäusern ab) individuell mit unterschiedlichem Grundriss geplant, Wände werden aufgelöst, Stützen und Wände werden über Decken abgefangen.

Die Ingenieure mögen das noch verstehen, die Ausführenden verstehen es fast immer nicht weil sie nicht fachkundig sind. Gleichzeitig wird das Bauen als etwas angesehen, was eigentlich jeder kann. Deshalb treten besonders bei „einfachen“ Konstruktionen verstärkt Schäden auf.

Überproportional treten Schäden bei Umbauten und Erweiterungen auf, bei Bauen im Bestand. Hier baut manch Heimwerker auch ohne Anleitung selbst.

Versicherer beschäftigen Mathematiker, an den Hochschulen forschen Risiko- und Katastrophenforscher. Diese untersuchen Bedingungen für Schadensfreiheit - soweit sie von Menschen beeinflusst werden können. Diese kommen in ihren Forschungen übereinstimmend zu folgenden Erkenntnissen:
Unabhängig davon, ob es sich um Schadensfälle im Bauwesen, Brückeneinstürze, Verkehrsunfälle, Lebensmittelsicherheit, oder Elementarereignisse (wie Erdbeben, Schlammlawinen etc.) handelt, es lassen sich stets die gleichen Strukturen ausmachen, bei denen das Ausmaß der Schäden groß oder klein ist Die Experten kommen stets zu dem Schluss, dass Sicherheit (besser: ein gewisses Mindest-Sicherheitsniveau) organisiert werden kann und muss.

Dombrowsky beschreibt in einem Interview in „Die Zeit“ [„Die Zeit“, 26. August 1999] die Ursachen bei einem größeren Erdbeben.

Zeit: Was hat man denn vorher falsch gemacht?

Dombrowsky: Es herrscht Bauboom wie verrückt, und es wird sträflich gespart. Fast muss man sagen: unter billigender Inkaufnahme von Opfern.

Zeit: Tragen also die Bauunternehmen die Schuld ...?

Dombrowsky: Das wäre zu einfach. Es gibt da so etwas wie gesellschaftliche Einverständnisse: Die Bauherren möchten billig bauen. Die Bauunternehmer möchten gut verdienen. Die Mieter möchten geringe Mieten bezahlen. Die Industrie soll wachsen, da wird in kurzer Zeit viel Wohnraum benötigt. Also zwinkern alle sich zu und sagen: Wird schon gut gehen. Wenn so ein Gebäude dann beim Erdbeben umfällt, ist natürlich die Aufregung groß.

Zeit: Aber sind wirklich alle ein bisschen Schuld, wenn Baunormen missachtet werden?

Dombrowsky: Nein, das ist ganz eklatantes staatliches Versagen. Es gibt keine echte Kontrollinstanz, also so etwas wie bei uns die Bau- und Gewerbeaufsicht. Man hat Baunormen, man hat Vorschriften, aber nur auf dem Papier. Sie werden nicht angewandt ...


Wenn also der Gesetzgeber will, dass Kraftfahrzeuge aus Sicherheits- und Umweltschutzgründen einen Mindeststandard aufweisen sollen, muss nicht nur gefordert werden, dass die Halter Ihre Fahrzeuge regelmäßig zum TÜV bringen, sondern dies muss auch kontrolliert werden.

Wenn der Gesetzgeber will, dass die Lebensmittel und die Futtermittel einen Mindeststandard aufweisen sollen, muss nicht nur die Einhaltung dieser Standards gefordert, sondern auch kontrolliert werden, ggf. bis zur Herausnahme der Lebensmittel aus dem Handel.

Wenn der Gesetzgeber will, dass die Gebäude einen Mindestsicherheitsstandard aufweisen sollen, dann muss es auch hier einen Kontrollmechanismus geben, der die Mindestforderungen kontrolliert. Solche wären:
Vorlage der Statik beim Bauamt (entweder mit Versicherung des Nachweisberechtigten oder mit der des Prüfingenieurs versehen) und dortige Archivierung.
Bauüberwachung.

Erfolgt dies nicht, dann wird zumindest (zuerst) in den ländlichen Bereichen ohne Statik gebaut. Die Anzahl der Schadensfälle wird (dramatisch) zunehmen.

Wenn es stimmt, dass ein Sicherheitsniveau organisiert werden kann, dann müssten sich auch unterschiedliche (»restriktive« oder »liberalisierte«) Bauordnungen in der Schadensquote niederschlagen.

Die Aufschlüsselung der Werte eines Versicherungsmaklers zeigen, dass (bis 2002) in dem Bundesland Hessen, in dem die Abläufe noch einigermaßen klar geregelt waren, die Schadensquote deutlich geringer war als in Bundesländern mit »liberalisierten« Bauordnungen.

Bundesland Schadensquote / bezogen auf die Prämienzahlung [%]
Baden-Württemberg: 106 %
Hessen: 45 %
Rheinland-Pfalz: 125 %
Saarland: 106 %
Durchschnitt: 89 %

Demnach dürfte, im Zuge der Angleichung der Bauordnungen, wenn sich die Zahlen als belastbar erweisen, in den nächsten Jahren mit einem deutlichen Anwachsen der Schadensfälle in Hessen zu rechnen sein.

siehe auch:
- Alptraum
- Arglist auf dem Bau
- Bauaufsichtsbehörde
- Baumurks
- Baupfusch
- Bauvorlagen
- Deregulierung
- Lohndumping
- Preisdumping
- Prüfingenieur für Baustatik
- QS
- Qualitätskontrolle
- Schaden
- Schadensfreies Bauen
- Schlamperei
- Schwarzarbeit
- Vier-Augen-Prinzip
- Zertifizierung