Mit gemauerten Bögen werden bzw. wurden Maueröffnungen (für Türen, Tore oder Fenster) überspannt. Beim Bogen spricht man vom Rundbogen und Segmentbogen; Sonderformen sind scheitrechter Bogen (Flachbogen), Spitzbogen, Korbbogen oder einhüftiger Bogen (vgl. auch Abb.).
Ein Bogen ist eine Form aus Kreis, Ellipse oder Parabel. In der Architektur unterscheidet man einfache und zusammengesetzte Kreisbogen. Zu den einfachen Kreisbogen gehören der Halbkreis- oder Rundbogen, bei dem der Kreismittelpunkt auf der Horizontallinie liegt, welche die Kämpferpunkte verbindet. Beim Segment-, Stich- oder Flachbogen liegt der Kreismittelpunkt unterhalb, beim Hufeisen- oder Dreiviertelkreisbogen oberhalb der Kämpferlinie. Zu den zusammengesetzten Kreisbogen gehört der Spitzbogen, der aus zwei sich schneidenden, mit gleichem Radius geschlagenen Kreisbögen besteht. Der Kleeblatt- oder Dreipass-Bogen entsteht aus zwei um einen gemeinsamen oder zwei verschiedenen Mittelpunkten geschlagenen Kreisbogen, die durch einen dritten, von der Vertikalachse des ganzen Bogens ausgeführten verbunden sind.
Der architektonische Bogen ist ein schon im Altertum angewendetes Tragwerk, das eine Öffnung überspannt, beiderseits auf Widerlagern ruht, mit dem Kämpfer beginnt und im Scheitel vom Schlussstein geschlossen wird. In der Kirchenarchitektur des Mittelalters diente der Bogen hauptsächlich zur Verbindung der Mittelschiffstützen, bei Gewölben- sowie Fenster- und Portalöffnungen. Typisch für Bauwerke der Romanik ist der Rundbogen, während der schon in der frühislamischen Architektur vorkommende Spitzbogen das Hauptkennzeichen gotischer Bauten ist. Der Kielbogen fand besondere Verbreitung in der dekorativen Kunst des Mittelalters.
Ebenfalls als Bogen wird ein Träger bezeichnet, der bei senkrechten Lasten im Gegensatz zum Balken nach außen gerichtete Auflagerkräfte (Stützkräfte) auf die Widerlager (Auflager) überträgt, wobei hier zwischen eingespannten Bogen, Zweigelenkbogen, Dreigelenkbogen usw. unterschieden wird.
„Der monolithische, auf zwei Säulen gelagerte oder sich auf seitliche Rahmenstiele aus Zyklopenmauerwerk stützende Riegel stellt den ersten Sieg des menschlichen Erbauers zur beständigen Überbrückung des leeren Raumes dar.“
Dieser Ausspruch stammt von einem Könner seines Fachs, dem spanischen Bauingenieur Eduardo Torroja y Miret (1899-1961), der mit seinen bahnbrechenden Konstruktionen aus Stahlbetonschalen berühmt wurde. Torroja beschrieb damit den Urvater des Bogens, den steinernen Balken. Das bekannteste Beispiel für diese Bautechnik ist das um 1400 v.Chr. entstandene Löwentor von Mykene, damals wichtigstes Machtzentrum auf dem griechischen Festland. Der Riegel (oder Sturz) bei diesem Tor besteht aus einem einzigen Block von viereinhalb Meter Länge, zwei Meter Breite und einem Meter Dicke.
Da Türstürze vom Format des Löwentor-Riegels ein recht beachtliches Gewicht aufweisen, verfiel man schließlich auf eine Lösung mit erheblich kleineren Steinen, die leichter zu transportieren waren, und erfand die Kragsteinkonstruktion. Das funktionierte im Prinzip so, dass immer ein Stein über den anderen vorgeschoben (vorgekragt) wurde, aber nur so weit, dass er nicht abkippen konnte. Je höher die Steine also links und rechts aufeinandergetürmt wurden, desto mehr näherten sie sich einander an, bis sich beide Seiten trafen und gegenseitig stützen.
Den ersten echten Bogen aus keilförmigen Steinen konstruierte vor fast 5500 Jahren ein unbekannter Baumeister in der sumerischen Stadt Ur. Sir Charles Leonard Woolley, der die Ausgrabungen in den Ruinen von Ur geleitet hatte, berichtete: „In den Privathäusern der sumerischen Bürger in Ur um das Jahr 2000 v.Chr. wurde der Torbogen aus Backsteinen gebaut, die man nach der Art des echten Bogens aufsetzte; ein überwölbter Abflussgraben in Nippur muss auf etwa 3000 v.Chr. angesetzt werden; und die echten Bogen, die wir bei der Überdachung der Königsgräber von Ur finden, führen die Beherrschung dieses architektonischen Prinzips um noch weitere 400 oder 500 Jahre zurück.“
Was Woolley hier mit dem Terminus „Bogen“ umschreibt, sind im Grunde genommen viele Bogen in einer Reihe hintereinander, also bereits ein Tonnengewölbe aus gebrannten Ziegeln mit Lehm vermörtelt.
Ägyptern und Griechen war zwar das Prinzip des Bogens bekannt, sie machten aber nur wenig Gebrauch davon. Zu hoher technischer Vollendung im Bogenbau brachten es die Römer, die die Technik von den Etruskern übernommen hatten. Mit Hilfe ihres Betons entwickelten sie ihn zu einem neuen konstruktiven Element, als Rundbogen über Fenster- und Türöffnungen, als Bogen über starken Pfeilern in den Monumentalbauten und schließlich als beachtliche Meisterleistungen der Bogenbautechnik bei ihren Aquädukten.
Viele römische Errungenschaften versanken mit dem Römischen Reich, aber die Tradition des Bogens blieb erhalten, insbesondere bei den Kirchen. Etwa ab 1200 wurden die vorher üblichen Rundbogen zu dekorativen Kleeblatt-, Dreipass- oder Fächerbogen modifiziert. Die Gotik bevorzugte auch aus statischen Gründen den Spitzbogen, der im Spätstil des 15. Jahrhunderts zu anspruchsvolleren Formen, etwa dem Eselsrückenbogen, verfeinert wurde. Bei den Stahlbetonbauwerken unserer Zeit, insbesondere beim Brückenbau, ist der Bogen nicht mehr wegzudenken. Man kann also, wie Leonard Woolley sich ausdrückte, „eine deutliche Linie von der Morgenröte sumerischer Kultur bis in die moderne Welt verfolgen“.
Quelle (teilweise): Lexikon der Kunst, E. A. Seemann Verlag, Leipzig 2004
siehe auch:
- Aquädukt
- Bogenbrücke
- Gewölbe
- Kämpfer
- Korbbogen
- Kuff
- Kuppeln
- Portal
- Scheitrechter Bogen
- Schlussstein
- Widerlager