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Prüfpflicht

Auch im Zuge der in vielen Bundesländern bereits eingeleiteten »Deregulierung« des Verfahrensrechts im Bereich des Baugenehmigungsverfahrens besteht nach wie vor zumindest für Sonderbauten (z.B. Hochhäuser, Krankenhäuser, Büro- und Warenhäuser usw.) noch die Verpflichtung, die bautechnischen Nachweise (Standsicherheit, konstruktiver Brandschutz, Konstruktionspläne und Ausführungskontrolle) durch einen Prüfingenieur für Baustatik nach dem bewährten „Vier-Augen-Prinzip“ überprüfen zu lassen, um damit Schäden für Leben und Gesundheit der Nutzer solcher Gebäude zu verhindern.

In vielen Länderbauordnungen wurde die Verpflichtung zur Prüfung der bautechnischen Nachweise für „einfachere Gebäude“, d.h. in der Regel auch für Ein- und Zweifamilienwohnhäuser, entweder auf im privaten Auftrag durch den Bauherrn tätige »staatlich anerkannte Sachverständige« bzw. »Nachweisberechtigte« verlagert oder in anderen Bundesländern die Prüfpflicht gänzlich abgeschafft, d.h. von der Verpflichtung zur unabhängigen Überprüfung durch einen Dritten freigestellt. Damit einhergehend hat sich jedoch gezeigt, dass die Schadenshäufigkeit ganz erheblich zugenommen hat, da dort, wo nicht unabhängig überprüft wird, der Pfusch am Bau, meist aus wirtschaftlichen Zwängen heraus, dramatisch zunimmt.

Viele Bauherren interpretieren die „Freistellung“ dahingehend, dass dort, wo keine Baugenehmigung mehr erforderlich ist (z.B. nach HBO 2002 im Bereich bestehender, qualifizierter Bebauungspläne für übliche Wohnhäuser), auch keine „saubere Planung“, keine Nachweise zur Standsicherheit oder zur Energieeinsparung, oder auch keine Prüfung dieser Nachweise durch einen Sachverständigen oder Prüfingenieur für Baustatik mehr erforderlich sei. Oft wird aus Unwissenheit ein Bauträger beauftragt, ein Wohnhaus entweder „von der Stange“ oder nach individuellen Plänen des Bauträgers, die (wenn überhaupt) auf den Vorstellungen des Bauherrn basieren, zu entwerfen und gleichzeitig dann auch zu realisieren. Hier fehlt dann vollständig eine von Lieferinteressen freie Planung; die Qualität, die gebaut wird, bleibt dem Bauträger fast vollständig allein überlassen. Im Schadensfall besteht dann zwar die Möglichkeit, sein Recht über die verschiedenen Instanzen zu erhalten, was jedoch mit hohen Kosten für Juristen, Gerichte und Sachverständige sowie mit enormem Zeitaufwand verbunden ist; spätestens nach Urteilsverkündung ist der Bauträger, meist in Form einer GmbH, jedoch im „Rechts- und Wirtschaftnirwana“ Deutschlands verschwunden mit der Folge, dass der geschädigte Bauherr sowohl auf seinem Schaden als auch auf den Kosten der verschiedenen Gerichtsverfahren sitzen bleibt.

Dies alles ist Folge der politisch gewollten Deregulierung und des Abbaus der Prüfpflicht, in Wirklichkeit versteckt sich dahinter jedoch ein gewünschter Personalabbau in den Bauaufsichtsämtern und Landesbehörden, indirekt gehen dabei sowohl bei den Tragwerksplanern als auch bei den Prüfingenieuren für Baustatik eine Vielzahl hochqualifizierter Arbeitsplätze verloren, weil diese wegen Auftragsmangel jeweils Mitarbeiter entlassen müssen. Eine weitere Folge dieser Entwicklungen ist die Zunahme der Rechtsstreitigkeiten vor den Gerichten, verbunden mit Arbeitsbeschaffung für eine Heerschar von Juristen, die oftmals vom Baugeschehen rein gar nichts verstehen, aber wegen der hohen Streitwerte viel Geld „verdienen“. Dies kommt dem geschädigten Bauherrn unter dem Strich erheblich teurer, als ein ordnungsgemäß durchgeführtes Baugenehmigungsverfahren sowie die Verpflichtung, die bautechnischen Nachweise prüfen sowie die Ausführung der Rohbauarbeiten durch unabhängige Prüfingenieure für Baustatik überwachen zu lassen.

siehe auch:
- Alptraum
- Arglist auf dem Bau
- Baumurks
- Baupfusch
- Deregulierung
- Kriterienkatalog
- ö.b.u.v. Sachverständiger
- Prüfingenieur für Baustatik
- Prüfverzicht
- QS
- Tragwerksplanung
- Statik
- Unwissenheit
- Vier-Augen-Prinzip