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Vier-Augen-Prinzip

Das »Vier-Augen-Prinzip« im Prozess der Bauvorbereitung (Planen - Prüfen) hat sich seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland bewährt. Spektakuläre Einstürze von Bauwerken, wie man sie oft in Ländern ohne ausgeprägtes Prüfsystem hört (siehe hierzu das letzte Erdbeben von 2002 in Italien, bei dem 26 Kinder einer Kleinstadt in den Trümmern der renovierten Schule umgekommen sind), konnten weitgehendst vermieden werden.

Der Prüfingenieur ist ein erfahrener Fachmann des Bauwesens, der sich aus eigener planerischer Tätigkeit und aus dem Prüfprozess umfangreiche Kenntnisse angeeignet hat. Damit ist die Gewähr gegeben, dass die vom bauvorlagenberechtigten Ingenieur erarbeiteten Unterlagen der Tragwerksplanung im Bauwesen von fachlich hochqualifizierten Ingenieuren geprüft und für die Bauausführung freigegeben werden. Gleichzeitig überwacht der Prüfingenieur kritisch die Planung und die normgemäße Ausführung auf der Baustelle.

Gemäß der Prüfverordnungen der einzelnen Länder erfolgt die Berufung zum Prüfingenieur nach einem strengen Auswahlprinzip. Zu den Auswahlkriterien gehören z.B.:
• Mindestalter: 35 Jahre,
• Höchstalter: 65 (68) Jahre,
• mindestens zehn Jahre Erfahrung bei der Anfertigung von komplizierten Standsicherheitsnachweisen und technische Bauleitung von Ingenieurbauten,
• Ablegung einer schriftlichen und/oder mündlichen Prüfung auf hohem Niveau.

Seit etwa 90 Jahren gibt es in Deutschland das System der Bauüberwachung durch Prüfingenieure für Baustatik bzw. Prüfingenieure für Bautechnik. Sie prüfen Planung und Ausführung von Bauvorhaben als „beliehene Unternehmer“ im Auftrag und im Namen der Baurechtsbehörden und privatrechtlich im Auftrag des Bauherrn. Seit der Einrichtung dieses Systems hat es sich in Hinblick auf Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit bewährt.

Geschichte:

Das deutsche Überwachungssystem hat seinen Ursprung in Preußen. Dort hatten zunächst allein die Gemeinden die Verantwortung für die Erteilung von Baugenehmigungen. Sie mussten bei einem Bauantrag die Übereinstimmung mit den vielfältigen gesetzlichen Bestimmungen wie Nachbarrecht, Wasser- und Abwasserrecht kontrollieren und auch die Standsicherheit und das Bauen selbst überwachen.

Die Gemeinden konnten diese Aufgaben erfüllen solange einfache Konstruktionen mit bewährten Bauverfahren und mit bewährten Baumaterialien zu bearbeiten waren. Anfang des 20. Jahrhunderts führte das Streben nach größeren Spannweiten und wirtschaftlicheren Bauweisen zu statisch schwierigeren Konstruktionen, bei denen die Standsicherheit nicht mehr nur aus Erfahrung oder mit Hilfe von Faustformeln beurteilt werden konnte.

Im Jahre 1905 lehnte ein Kreisbauinspektor die Prüfung einer statischen Berechnung ab, weil ihm die erforderlichen Kenntnisse fehlten. Diese Entwicklung war der Anstoß für die Einrichtung bzw. Einschaltung besonderer Prüfstellen für die Prüfung statischer Berechnungen „schwieriger" Bauvorhaben.

Um aber nicht immer mehr Spezialisten für die immer größere Zahl von Sonderkonstruktionen vorhalten zu müssen und um die umfangreichen Erfahrungen freischaffender, unabhängiger Bauingenieure zu nutzen, zum Wohle der Allgemeinheit, veranlasste der Preußische Minister für Volkswohlfahrt durch Erlass vom 3.12.1926 die Institution der „Prüfingenieure für Baustatik". Heute ist die entsprechende Rechtsgrundlage in den Bauordnungen der Länder so beschrieben: „..Prüfaufgaben der Bauaufsichtsbehörde im Rahmen des bauaufsichtlichen Verfahrens einschließlich der Bauüberwachung werden auf Sachverständige übertragen..“

siehe auch:
- Alptraum
- Bad Reichenhall
- Balkonabsturz
- Baumurks
- Baupfusch
- Dacheinsturz
- Deregulierung
- Handwerkspfusch
- Prüfpflicht
- Prüfverzicht
- Standsicherheitsnachweis
- Statik
- Prüfingenieur für Baustatik
- QS
- Qualitätskontrolle
- Zertifizierung