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Ziegel

»Ziegel« ist der Oberbegriff für alle Baustoffe aus gebranntem Ton:
Mauerziegel, Deckenziegel, Dachziegel, Bodenplatten, im weiteren Sinne auch Klinker. Ziegel sind die ältesten künstlich geschaffenen Baustoffe. Als luftgetrocknete Lehmziegel hat man sie schon im 7. Jahrtausend v. Chr. im Vorderen Orient nachgewiesen. In Deutschland wurden Ziegel erst durch die Römer bekannt. Ziegel werden aus Ton, Lehm oder tonigen Massen, teilweise mit magernden oder porenbildenden Zusätzen in Ziegeleien geformt und gebrannt. Die dabei physikalisch und chemisch bewirkte keramische Verfestigung verleiht den Ziegeln hervorragende Eigenschaften (Maßhaltigkeit, Porosität, Festigkeit, Beständigkeit gegen aggressive Medien).

Ziegel weisen weiterhin Hohlräume auf, die heute zur Verbesserung der Wärmedämmeigenschaft im Herstellungsprozess zusätzlich künstlich hergestellt werden, wobei man diesen Vorgang als »porosieren« bezeichnet, woraus sich auch die bekannte Bezeichnung »Porotonziegel« oder einfach »Poroton« herleitet. Ziegel werden nicht nur in Form von Mauersteinen hergestellt, sondern auch als Platten zur Dacheindeckung.

Ziegel für Dacheindeckungen sind aus Ton gebrannte, wasserundurchlässige, flache oder gebogene Platten zur Eindeckung geneigter Dachflächen. Das Wort stammt vom lateinischen »tegula« (dem römischen Leistenziegel) ab und unterscheidet sich vom »later«, dem »Backstein«. In Süddeutschland wird als Ziegel nur der zur Dachdeckung verwendete gebrannte Ton bezeichnet, während sich der Begriff in Norddeutschland auch auf Mauer- und Bodenplatten ausgeweitet hat. Tegula führte im Englischen zu »tile«, im Französischen zu »tuile«, im Holländischen zu »tegel«, im Althochdeutschen zu »ziegal« (auch »ziegela, zigel, tigol, tigele, tigl«). Der Ziegler - lateinisch »tegularius« - heißt in den Niederlanden heute der »Tichelaar«.

In der Antike waren mit Ziegeln gedeckte Dächer im Mittelmeerraum weit verbreitet. Drei Arten von Ziegeldächern sind in dieser Zeit zu unterscheiden. In Griechenland entwickelten sich zunächst das lakonische und das korinthische Dach, in der römischen Zeit kam dann das sizilianische Dach hinzu. Das lakonische Dach bestand aus sehr flach gewölbten Unterdächern, deren Fugen durch einen Hohlziegel überdeckt waren, welcher im Laufe der Zeit immer mehr gewölbt wurde. Das wahrscheinlich jüngere korinthische Dach bestand aus großen, rechteckigen Leistenziegeln - flache Ziegelplatten mit seitlicher Aufkantung -, die an den Stoßkanten von einem schmalen, eckigen Hohlziegel, dem Imbrex, überdeckt war. Dieses Dach wurde in der Blütezeit Altgriechenlands auch auf Tempelbauten aus Marmor gestaltet.

Während der griechischen Kolonisation etwa 750 - 550 v. Chr. entstand auf Sizilien die dritte Art des antiken, klassischen Ziegeldaches, das im späteren römischen Reich zur Regeldeckung wurde: das sizilianische oder sizilistische Dach. Es bestand wie das korinthische Dach aus einem großformatigen rechteckigen Leistenziegel, wurde aber von einem runden Imbrex abgedeckt. Grabungen in Rheinzabern haben Ludowici Jahrhunderte später animiert, seine römische Platte (L2/Z27) mit einem gerillten Hohlziegel zu kombinieren.

Im nachantiken Mitteleuropa war zunächst die Reet-, Stroh- und Holzschindeldachdeckung üblich. Doch auch die ältesten Dachziegel - die Leistenziegel, an ihren Stoßfugen von Hohlziegeln (Imbrices) überdeckt - waren nach dem Zusammenbruch des römischen Imperiums weiterhin in Gebrauch. In der heutigen Provence, in Italien und in anderen mediterranen Gegenden, die einst vom römischen Reich beeinflusst wurden, bildet diese Deckung mit Leistenziegeln bis heute ununterbrochen die hauptsächliche Dachdeckung, ergänzt um die Mönch-Nonne-Deckung. Für das nördlichere Europa sind diese Deckungsarten als Schutz gegen das raue Klima weniger geeignet. Um Wasser schneller abfließen zu lassen und um steilere Dächer eindecken zu können, wurden sie seit dem Hochmittelalter durch die Hohlziegel- und Flachziegeldeckung ersetzt.

In den historischen Entwicklungsphasen des Ziegeldaches während der Karolingerzeit hat man versucht, die der Witterung am stärksten ausgesetzten Dachflächen möglichst »vollkeramisch« auszubilden. Für An- und Abschlüsse, Kanten und andere Dachdetails wurden entweder Flächenziegel durch Schroten (einkürzen) angepasst oder spezielle Formziegel hergestellt. Mörtelanschlüsse und -abschlüsse sind Hinweise darauf, dass das Dach lange Zeit vom Maurer - beispielsweise in Böhmen noch bis ins 19. Jahrhundert - ausgeführt wurde. Besondere Ortgangziegel, Lüfterziegel, überbreite Rinnen- und Hohlziegel sind als Grat- und Firstabdeckung überliefert.

Bereits für die Zeit vor dem Hochmittelalter sind Zeugnisse bekannt, welche die Verwendung von Dachziegeln nördlich der Alpen belegen. Aus dem Jahr 713 ist eine Gesetzesvorschrift vom Vorgänger des Langobardenkönigs Liutprant über Dachziegelarbeiten erhalten: »Und wisse, wo ein Dachziegel (tegula) hingelegt wirden, gehen 15 Schindeln hin, weil 150 Dachziegel 2500 Schindeln ersetzen.«

Etwas später schrieb Karl der Große im Kapitel 26 der auf der Frankfurter Synode 794 erlassenen Kapitularen für seine Wirtschaftshöfe Ziegel als allgemeine Dachdeckung vor. Anfang des 11. Jahrhunderts richtete Bischof Bernward von Hildesheim eine Ziegelbrennerei ein, um Flachziegel für seine Bauten brennen zu lassen, so wie es die römischen Legionäre getan hatten. In der Mitte des 12. Jahrhunderts waren die ökonomischen Voraussetzungen geschaffen, Backsteine und Ziegel über den Eigenbedarf hinaus auf Vorrat zu brennen. Da es nun möglich war, bei gestiegenem Bedarf auch im profanen Bereich die Ware gut verkaufen zu können, nahm die Ziegeldachdeckung zu.

Erst im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts verlangte man in den Städten aus Gründen des Brandschutzes immer mehr Ziegeldächer. Jedoch waren die Häuser bis weit ins 15. Jahrhundert weiterhin häufig mit Stroh oder Schindeln gedeckt.

Der Flachziegel, im Spätmittelalter oft bunt glasiert, setzte sich besonders in Süddeutschland in vielfältigen Formen und Gestaltungsarten durch und erhielt sich bis ins späte 19. Jahrhundert. Dagegen wurde in Norddeutschland vornehmlich der Krempziegel zum gängigen Dachdeckungsmaterial und hatte im 16. und 17. Jahrhundert Schiefer weitgehend verdrängt. Der Krempziegel ist eine Weiterentwicklung aus der Leisten-Hohlziegel-Deckung. Die Grundform ist eine Platte, die auf der einen Seite einen erhöhten Rand und auf der anderen Seite eine meist konisch verlaufende Krempe besitzt.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts ersetzte die Erfindung der maschinell gefertigten Falzdachziegel (Falzziegel) nach und nach die herkömmliche Ziegelherstellung. Die traditionellen Dachziegeltypen und Deckungsarten wurden nunmehr mit den neu entwickelten Verfalzungen hergestellt und optisch den überlieferten Dachansichten angepasst. Seitdem haben sich die Falzziegel den jeweiligen Bedürfnissen wie Dachneigung, historisches Umfeld, Klima und anderen Faktoren angepasst und sind inzwischen die gebräuchlichen Ziegel. Aus jener Zeit der ersten maschinell gefertigten Dachziegel liegen heute die meisten Zeugnisse zum Thema Dachschmuck vor.

Quelle (teilweise): „Dachschmuck aus gebranntem Ton“ von Heinz Zanger, Anderweit Verlag (ein empfehlenswertes Werk für alle, die sich für dieses Thema interessieren).

siehe auch:
- Adobe
- Dachschmuck
- Dachziegel
- Dominikalziegel
- Falzdachziegel
- Feierabendziegel
- Firstzierde
- Gilardoniziegel
- Gratzierde
- Handstrich
- Imbrex
- Klinker
- Lehm und Ton
- Mauerwerk
- Poroton
- Ringtunnelofen
- Spucke nicht auf den Bürgersteig-Ziegel
- Tegel
- Tegula
- Ziegelgänger
- Ziegelschalen
- Ziegler